Ärzte Zeitung, 07.05.2009

Behutsame ADHS-Therapie im Vorschulalter

Auffällig hyperaktiven Kindern im Vorschulalter will man nicht vorschnell die Diagnose ADHS aufdrücken. Doch vergibt man sich damit vielleicht eine Chance, der Entwicklung bis zum Vollbild des Syndroms entgegen zu wirken.

Von Maria Weiß

Behutsame ADHS-Therapie im Vorschulalter

Bei Kindergartenkindern sind Störungen der Aufmerksamkeit schwer zu fassen.

Foto: Nicole Effinger©www.fotolia.de

Die Diagnose von ADHS im Kindergartenalter birgt immer die Gefahr einer Fehleinschätzung, betonte Professor Marina Danckaerts in Berlin. Die für das Schulalter entwickelten diagnostischen Werkzeuge sind für die 3- bis 5-Jährigen kaum geeignet. Aufmerksamkeitsstörungen lassen sich schwerer fassen und von normalen Entwicklungsstadien abgrenzen.

Allerdings kann eine frühe Intervention ratsam sein, um späteren Problemen in der Schule vorzubeugen. Mit Therapie ergibt sich vor allem auch die Chance, die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind frühzeitig positiv zu beeinflussen, sagte Danckaerts auf dem 3. Internationalen Medice-Symposium.

In einigen kontrollierten Studien hat eine psychosoziale Therapie mit Information und Schulung der Eltern das Verhalten der Kinder signifikant gebessert. Jedoch seien die Ergebnisse der Studien in der normalen Praxis meist nicht umzusetzen.

Stimulanzien wie Methylphenidat scheinen auch im Vorschulalter wirksam zu sein. Trotzdem wird international in den meisten Leitlinien von einer medikamentösen Therapie in diesem Alter abgeraten.

In der PATS*-Studie wurden 183 Kinder mit ADHS-Symptomatik im Vorschulalter und erfolgloser Elternschulung über 5 Wochen mit Stimulanzien in verschiedenen Dosierungen behandelt, so die Wissenschaftler aus Leuven in Belgien. In der Verumgruppe hätten sich durchaus positive Effekte im Vergleich zu Placebo ergeben.

Am besten sprachen Kinder ohne weitere Komorbiditäten an. Allerdings traten bei 30 Prozent der Kinder moderate bis schwere Nebenwirkungen auf, die bei 11 Prozent zu Therapieabbrüchen führten.

Falls man sich für eine medikamentöse Therapie entscheidet, müsse aufgrund der geringeren Clearance und höheren Nebenwirkungsrate in dieser Altersgruppe eine sehr vorsichtige Dosistitration erfolgen, empfahl die Expertin.

*Preeschool ADHD Treatment Study

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