Ärzte Zeitung online, 05.03.2010

ZDF-Reportage um ADHS: Alm-Therapie oder Tabletten?

HAMBURG (dpa). Das ZDF zeigt in seiner Reihe "37 Grad" einen Film über Kinder mit ADHS. Der Hirnforscher Professor Gerald Hüther versucht die Kinder mit Verhaltenstherapie auf einer Alm zu behandeln. Die Behandlungsergebnisse fallen jedoch sehr unterschiedlich aus.

Schon die Diagnose von ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Syndrom) ist häufig umstritten, der zunehmende Einsatz von Beruhigungsmitteln noch mehr. Hirnforscher Hüther von der Universität Göttingen verfolgt einen anderen Ansatz: Er will ADHS mit einer Verhaltenstherapie behandeln.

Dazu wagt er ein Experiment: Elf Jungen mit ADHS verbringen acht Wochen auf einer Alm, fernab von Computern, Handys und ihrem Alltag mit besorgten Eltern und Schulstress. Die ganz neue Naturerfahrung, Arbeit und Spiel in ungewohnter Umgebung und in der Gruppe sollen den Jungs helfen, zu sich selbst zu finden und im Alltag besser zurechtzukommen. Ob das aber im Einzelfall auch klappt? Die ZDF-Reportagereihe "37 Grad" will mit dem 45-minütigen Film "Wo die starken Kerle wohnen - Kinder versuchen einen Neuanfang" am Dienstag (22.15 Uhr) eine Antwort geben - und die fällt zwiespältig aus.

Die Problembeschreibung: Der neunjährige Adrian wälzt sich auf der Sitzbank, mosert und bockt, an Hausaufgaben ist nicht zu denken. Die Brüder Robin (8) und Nicola (10) sind schusselig, vergessen und verlegen ständig ihre Schulsachen, der Ältere kommt gar nicht in die Pötte, lebt anscheinend in seiner eigenen Zeitzone der Langsamkeit. Sie nehmen beide Ritalin. Und Malte (11) ist der Störenfried schlechthin: Mehrere Schulen haben ihn rausgeworfen, im Heimatdorf ist er berüchtigt. Tabletten lehnen die Eltern rigoros ab.

Diese Truppe wandert samt Betreuerteam auf die Südtiroler Alm, eine einfache Holzhütte in 2400 Metern Höhe. Die Bilder der Filmemacher Katharina Gugel und Ulf Eberle zeugen von neuer Lebensfreude, gemeinschaftlichen Aktivitäten und Engagement. "Um den Kindern wirklich helfen zu können, muss man sie mal richtig rausnehmen aus diesem bisherigen System, muss ihnen mal einen ganz neuen Erfahrungsraum bieten, (...) in dem sie sich selbst als jemand erleben, der etwas bewirken kann", so Hüther. Dazu haben die Jungen reichlich Gelegenheit: Sie müssen Holz hacken, Betten machen, abspülen, sich um Hühner kümmern sowie eine Brücke bauen.

Doch es gibt auch Konflikte, Tränen und Geschrei, was aber nach und nach weniger wird. Die Jungen finden sich zu einer Gruppe zusammen, lernen das Streitschlichten und Aufeinanderhören. "Das sind richtig starke Kinder", sagt Hüther den Eltern, die ebenfalls zusammenkommen, um sich auszutauschen. Eltern, die ganz unterschiedlich an das Thema ADHS rangehen. "Ich merke, das Kind kann mit den Medikamenten seine Ressourcen besser nutzen, auch in der Schule; und gleichzeitig merke ich aber auch - ihm geht's nicht richtig gut damit", bekennt die Mutter von Robin und Nicola, selbst Kinderärztin.

Ob das Alm-Experiment die Lösung ist? Zwei Monate danach sucht das Filmteam die Familien wieder auf: Nicola ist derweil im Internat, im Unterricht ist er immer noch der Träumer, der Langsame. In seiner Wohngruppe aber ist er akzeptiert, hat Freunde. Seine Mutter, die Kinderärztin, bleibt skeptisch: "Insgesamt bin ich etwas enttäuscht von der ganzen Geschichte." Vor allem könnte sie ihren Kindern jetzt auf keinen Fall mehr Medikamente verordnen, sie seien strikt dagegen.

Bei Störenfried Malte läuft es oberflächlich gut an seiner neuen Privatschule, in der auch Reiten auf dem Programm steht: Er sei "nicht mehr so vorwitzig, nicht mehr so aggressiv", sagt er selbst - die Kamera zeigt dann aber, wie er bei kleinster Kritik und Grenzziehung uneinsichtig und laut reagiert. Und der zurückgezogene, bockige Adrian? Es gebe seltener Zwischenfälle, er sei offener und zugänglicher geworden, sagt der Sprecher aus dem Off. "Ich komme wieder an den Adrian ran, die Gefühle sind echter", so seine Mutter. Doch drei Jungs aus der Gruppe stehen wieder kurz davor, Medikamente zu nehmen; ein anderer nimmt sie bereits, weil die Lehrer sonst nicht mit ihm klarkämen.

"Wo die starken Kerle wohnen - Kinder versuchen einen Neuanfang", Dienstag, 9. März 2010, 22.15 Uhr

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