Ärzte Zeitung, 18.08.2010

USA: Die jüngsten Kinder einer Klasse kriegen oft den Stempel ADHS

NEU-ISENBURG (eis). Bei fast einer Millionen Schulkindern in den USA ist die Diagnose ADHS möglicherweise falsch gestellt, schätzen US-Forscher. In zwei Studien wurde jetzt belegt, dass bei jungen Kindern einer Klasse viel häufiger die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) gestellt wird als bei älteren Kindern.

USA: Die jüngsten Kinder einer Klasse kriegen oft den Stempel ADHS

Schnell mit ADHS abgestempelt: Etliche der Diagnosen bei Schulkindern in den USA könnten falsch sein.

© Tatyana Gladskih / fotolia.com

Verhaltensauffälligkeiten wie Unaufmerksamkeit oder nicht stillsitzen können seien bei den jungen Kindern aber wahrscheinlich nicht einer Erkrankung geschuldet, sondern dem jüngeren Lebensalter, so die US-Forscher.

Die Wissenschaftler der Michigan State University haben Daten einer US-Stichprobe mit 12 000 ehemaligen Kindergarten-Kindern untersucht, teilt die Universität mit. In den USA sind Kindergärten fast immer Grundschulen angegliedert. In der sogenannten Klassenstufe "K" werden dabei Grundfertigkeiten etwa im Lesen und Rechnen vermittelt.

Um in die Klasse aufgenommen zu werden, müssen die Kinder zu einem Stichtag (meist der 1. September) mindestens fünf Jahre alt geworden sein. In der Studie wurden die Raten von ADHS-Diagnosen verglichen und zwar bei Kindern, die kurz vor oder kurz nach dem Stichtag Geburtstag hatten. Kinder mit späterem Geburtstag waren bei Aufnahme in die Vorschule schon knapp sechs Jahre alt.

Ergebnis: In der Vorschule waren in der Gruppe der Jüngeren 60 Prozent mehr ADHS-Diagnosen gestellt worden als in der Gruppe der Älteren. Ähnlich verhielt es sich bei den Kindern, die die fünfte und die die achte Klasse erreicht hatten. Hier waren die ADHS-Therapien bei den Jüngsten etwas doppelt so häufig wie bei den Ältesten.

Insgesamt schätzen die Forscher aus ihren Daten, dass bei etwa einem Fünftel der 4,5 Millionen Kinder mit ADHS in den USA die Diagnose falsch gestellt sein könnte. In einer Studie an der North Carolina State University ist man zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Die beiden Studien sollen jetzt im Journal of Health Economics veröffentlicht werden.

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