Ärzte Zeitung online, 02.05.2011

Hintergrund

Reizbar, impulsiv, unruhig: ADHS oder bipolare Störung?

Statt ADHS werden in den USA bei verhaltensauffälligen Kindern zunehmend bipolare Störungen (BP) diagnostiziert. Die Symptome der beiden Erkrankungen überlappen sich. Typisch für BP sind immer abgrenzbare manische Episoden mit eindeutigen Stimmungsänderungen.

Von Dagmar Jäger-Becker

Reizbar, impulsiv, unruhig: Symptome von ADHS und bipolarer Störung überlappen sich

Verhaltensauffälligkeiten nur in Phasen sprechen für BP.

© olly / fotolia.com

Liegt bei Kindern und Jugendlichen mit Reizbarkeit, Wutanfällen, Stimmungsschwankungen, motorischer Unruhe, Ablenkbarkeit und Impulsivität eine bipolare Störung vor oder handelt es sich um das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS)?

Diese Frage wird derzeit intensiv unter Kinderpsychiatern diskutiert, wie Professor Tobias Banaschewski aus Mannheim beim Hamburger ADHS-Gipfel berichtet hat. Nach Studiendaten gibt es nämlich Überlappungen in der Symptomatik beider Krankheitsbilder.

In den USA hat seit Mitte der 1990er Jahre die Diagnose bipolare Störung (BP) bei Kindern und Jugendlichen im ambulanten Bereich um das 40-fache und stationär um das 4- bis 5-fache zugenommen, berichtete Banaschewski. In Stichproben findet sich die Diagnose bei 6 bis 30 Prozent von US-amerikanischen Kindern und Jugendlichen.

Anders in Deutschland. Bipolare Störungen sind bei Kindern selten, betonte Banaschewski. Zwar werden auch bei deutschen ADHS-Kindern Manie-spezifische Symptome wie gesteigerte Aktivität und motorische Ruhelosigkeit, Rededrang, Ablenkbarkeit, leichtsinniges Verhalten und verminderter Schlaf sehr häufig beobachtet.

Aufgrund abweichender diagnostischer Herangehensweisen wird die Diagnose bipolare Störung hierzulande mit 0,2 bis 0,5 Prozent jedoch deutlich seltener gestellt. Die Ähnlichkeiten zwischen Manie und ADHS betreffen nicht das gesamte Symptomenspektrum.

Hinweise auf eine bipolare Störung ergeben sich vor allem aus einem episodenhaften Verlauf, stärkeren Beeinträchtigungen und im Falle einer Manie durch Größenideen, Selbstüberschätzung und rücksichtsloses Verhalten.

Abgrenzungen der Symptomatik der heterogenen Erkrankung ADHS und bipolaren Störungen sind noch nicht endgültig geklärt, betonte Banaschewski. Klar ist jedoch: Es gibt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die mehr haben als die Kernsymptome des ADHS und schwer zuzuordnen sind.

Bei ihnen sind weder Störungen des Sozialverhaltens, Borderline-Störungen noch bipolare Störungen I und II eindeutig diagnostizierbar (Bipolar-NOS/not otherwise specified).

Diese Gruppe kann unter der Diagnose affektive Dysregulation (severe mood dysregulation) zusammengefasst werden, einem breit gefassten Phänotyp der bipolaren Störung mit den Symptomen starke Stimmungsschwankungen, Depression, Angst, Agitiertheit, Unaufmerksamkeit, Aggression, Suizidalität, reduziertem Schlafbedürfnis und nicht-episodischem Verlauf.

Diese Symptomenkonstellation finde sich bei 1 bis 2 Prozent aller Kinder und bei 13 bis 20 Prozent der Kinder mit ADHS-Diagnose. Als neue Diagnose, die auch häufige, deutlich unangemessene Wutausbrüche auf Stressoren berücksichtigt, soll die Temper Dysregulation disorder (TDD) in die neue DSM-V-Klassifikation aufgenommen werden.

Aus den noch immer existierenden Unklarheiten zur Überlappung von ADHS- und BP-Symptomen zieht Professor Banaschewski folgende diagnostische Schlussfolgerungen:

Die Diagnose einer bipolaren Störung sollte nur dann gestellt werden, wenn abgrenzbare manische oder hypomanische Episoden mit eindeutigen Stimmungsänderungen und korrespondierenden Verhaltensänderungen vorliegen.

Die Diagnose BP-NOS kann gestellt werden, wenn das Zeitkriterium der bipolaren Störung nicht erfüllt ist, aber abgrenzbare Episoden von mindestens zwei Tagen Dauer vorliegen.

Man müsse der Tatsache Rechnung tragen, dass es Unterschiede im Erscheinungsbild zwischen bipolaren Störungen im Erwachsenen- sowie im Kindes- und Jugendalter gibt, die vorwiegend die Länge der Episoden betrifft.

Die als affektive Dysregulation bezeichnete Symptomatik sollte nicht im Sinne einer früh beginnenden bipolaren Störung interpretiert werden. Assoziierte Störungen (etwa ADHS) sollten nur diagnostiziert werden, wenn die Symptome auch in euthymen (Stimmung im "normalen" Bereich) oder subsyndromaler Phasen vorhanden sind.

Umgekehrt sollten unspezifische Symptome wie starke Ablenkbarkeit nur dann als manische Symptome gewertet werden, wenn es während der zu beurteilenden Episode deutlich verstärkte Symptome gibt.

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