Ärzte Zeitung online, 29.11.2011

ADHS-Kinder denken anders

Aufmerksamkeitsstörungen bei ADHS-Kindern werden offenbar von gestörten Signalwegen und Aktivitätsmustern im Gehirn verursacht. Das zeigt eine US-Studie. Bei der Diagnose von ADHS könnte künftig die funktionelle MRT eine wichtige Rolle spielen.

ADHS-Kinder denken anders

Vier bis sechs Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs und 18 Jahren in Deutschland haben ADHS, schätzen Experten.

© Nicole Effinger / fotolia.com

CHICAGO (gwa). Gestörte Signalwege und Aktivitätsmuster im Gehirn sind offenbar die Gründe für Aufmerksamkeitsstörungen bei ADHS.

Hinweise darauf ergeben die Ergebnisse einer US-Studie mit 36 Kindern, bei der Radiologen funktionelle MRT nutzten. Ein weiterer Schritt in Richtung verlässliche ADHS-Diagnose, glauben die Wissenschaftler.

Bislang sind vor allem Verhaltensauffälligkeiten Grundlage der Diagnose Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS).

Biomarker gesucht

Auf die Suche nach einem verlässlichen Biomarker für ADHS, den man mit bildgebenden Verfahren nachweisen kann, machten sich Radiologen um Dr. Xiaobo Li vom Albert Einstein College of Medicine in New York.

Sie untersuchten Aktivitätsmuster in speziellen Hirnregionen - und zwar mittels der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie (fMRT). Sie scannten die Gehirne von Kindern, während diese einen Aufmerksamkeitstest machten.

Aufmerksamkeitstest mit Zahlen

Es gab zwei Gruppen: 18 Kinder mit der Diagnose ADHS sowie 18 normal entwickelte Kinder als Kontrollgruppe. Die Kinder mit ADHS hatten zum Zeitpunkt der Studie keine medikamentöse Therapie.

So lief die Untersuchung ab: Jedes Kind lag im Tomografen, hatte eine Computermaus in der Hand und wusste, dass es ein kleines Computerspiel machen sollte. Jetzt starteten die Hirnscans. Zunächst wurden den Kindern die Zahlen 1, 3 und 5 nacheinander gezeigt, die sie sich merken sollten.

Anschließend wurden fünf Minuten lang in schneller Folge Gruppen mit drei Zahlen gezeigt. Die Aufgabe der Kinder war es, jeweils per Mausklick anzuzeigen, wenn eine der Zahlengruppen identisch mit der zuerst gezeigten Zahlenfolge 1, 3, 5 war. Dieser Test wurde zweimal wiederholt.

Hirnaktivitätskarte von jedem Kind erstellt

Aus den Scans wurde für jedes Kind eine Hirnaktivitätskarte erstellt, auf der erkennbar war, welche Hirnareale während der Aufgabe aktiv waren. Dann wurden die Aktivitätskarten der beiden Gruppen miteinander verglichen.

Dabei zeigte sich, dass die Aktivitätsmuster in bestimmten Hirnarealen bei Kindern mit ADHS im Vergleich zu den Kindern der Kontrollgruppe deutlich unterschiedlich waren. Kinder mit ADHS hatten beim Aufmerksamkeitstest verminderte Hirnaktivitäten in Arealen, die für visuelle Verarbeitung und Gedächtnis eine Rolle spielen.

Aktivität im präzentralen Gyrus bei ADHS-Kindern reduziert

So war zum Beispiel bei ADHS-Kindern die Aktivität im präzentralen Gyrus beidseits reduziert, dagegen erhöht im mittleren Okzipitalkortex (MOC) links und im Cortex cingularis anterior.

Außerdem war auch die Verbindungsaktivität, also die neuronale Kommunikation zwischen der präfrontalen Hirnrinde rechts, dem Gyrus lingualis und der temporalen Hirnrinde links sowie dem visuellen Kortex, gestört.

"Kinder mit ADHS nutzen andere Signalwege im Gehirn"

ADHS-Kinder denken anders

Dr. Xiaobo Li vom Albert Einstein College of Medicine in New York.

© RSNA.org

Li, die die Studienergebnisse auf einer Pressekonferenz beim Radiologenkongress RSNA in Chicago vorstellte, wies darauf hin, dass sich ADHS-Forscher in den vergangenen zehn Jahren vor allem auf die Symptomkomplexe Impulsivität und Hyperaktivität konzentriert hätten. "Doch Aufmerksamkeitsstörungen sind ebenfalls eine wichtige Hauptkomponente bei ADHS."

Li betonte, dass es sich bei ADHS um eine Hirnfunktionsstörung handele: "Kinder mit ADHS nutzen zum Teil andere Signalwege im Gehirn, um visuelle Informationen zu speichern und zu verarbeiten. Das kann auf eine Störung der üblichen Signalwege in der weißen Hirnsubstanz hinweisen."

Künftig ADHS-Diagnostik mittels fMRT?

Noch müssten diese ersten Ergebnisse der Studie weiter validiert werden, betonte Li. Doch sieht sie zukünftig die Möglichkeit für eine verlässliche ADHS-Diagnostik mithilfe von fMRT.

Und: Der Nachweis von solchen Hirnstörungen könne die Möglichkeit für Therapien, etwa spezielle Hirntrainings, ermöglichen.

Bislang gibt es keinen Einzeltest, mit dem ADHS zuverlässig diagnostiziert werden könnte. Grund sind die verschiedenen Symptommuster und -stärken.

Vier bis sechs Prozent der Kinder haben ADHS

Das führt immer wieder dazu, dass Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten vorschnell die Diagnose ADHS verpasst bekommen. Und andererseits ADHS nicht erkannt wird.

Nach Schätzungen haben in Deutschland vier bis sechs Prozent der sechs- bis 18-jährigen Kinder ADHS. Mehr als die Hälfte der Betroffenen hat Symptome auch noch im Erwachsenenalter.

[30.11.2011, 17:17:12]
Dr. Fritz Gorzny 
Augen und AD(H)S
Ich habe schon öfter darauf hingewiesen, daß AD(H)S häufig mit einem gestörten Binokularsehen im Sinne einer assoziierten Heterophorie , vulgo Winkelfehlsichtigkeit, einhergeht, wie ich an vielen hundert Fällen beobachten konnte, die ich nach der Mess- und Korrektionsmethode nach Haase untersucht habe. Prismatischer Ausgleich der Heterophorie führte dann regelmäßig zur Besserung. Die hier am MRT beobachteten charakteristischen Veränderungen im Bereich der visuellen Areale bestätigen meine Beobachtungen. zum Beitrag »

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