Ärzte Zeitung, 13.02.2015

ADHS-Therapie

Ist Neurofeedback wirklich die bessere Wahl?

Ist Neurofeedback die bessere ADHS-Therapie? Trotz aller Polemik in der Publikumspresse: Das in Langzeitstudien bewährte Methylphenidat kann durch die noch wenig untersuchte Methode nicht ersetzt werden.

Von Elke Oberhofer

Ist Neurofeedback wirklich die bessere Wahl?

Elektroden zur Hirnstrommessung werden platziert. „Schnelle Wellen“ im EEG sind bei ADHS oft zu gering ausgeprägt.

© Gerhard Seybert / fotolia.com

Im September letzten Jahres fuhr die "Süddeutsche Zeitung" eine Attacke gegen das ADHS-Medikament Methylphenidat (MPH), die sich gewaschen hatte:

Das Medikament wird mit Koks verglichen, mit dem es "chemisch verwandt" sei; es könne abhängig machen, sei "im Sport als Doping verboten" und habe gravierende Nebenwirkungen.

Ebenso gut hätte man schreiben können: Was müssen das für Rabeneltern sein, die ihr Kind mit solchem Teufelszeug traktieren?

Dabei, so geht aus dem Artikel hervor, gebe es jetzt doch ein Verfahren, mit dem man ADHS nicht nur behandeln, sondern sogar heilen könne: Neurofeedback. Am Beispiel des ADHS-Patienten Tim wird dargestellt, wie gut die alternative Methode funktioniert.

Tatsächlich hat diese sanfte Form der ADHS-Therapie ihren Charme: Die Kinder können dabei spielerisch lernen, ihre Hirnaktivierung zu verbessern.

Man muss sich das so vorstellen: Der Patient sitzt vor einem Neurofeedback-Computer, mit dem er über auf dem Kopf befestigte Elektroden verbunden ist.

Auf dem Bildschirm läuft ein Filmchen oder ein Computerspiel, bei dem zum Beispiel ein Flugzeug an Höhe verliert. Wer sich gut aktiviert, schafft es, allein durch seine Vorstellungskraft das Flugzeug steigen zu lassen.

Macht man das häufig, werden Hirnfrequenzen trainiert, die einem Zustand der ruhigen Konzentration oder aktiven Aufmerksamkeit entsprechen.

Diese im EEG als "schnelle Wellen" darstellbaren Frequenzen sind bei vielen ADHS-Patienten auch dann zu gering ausgeprägt, wenn sie sich konzentrieren wollen.

Millionen von Patienten mit MPH behandelt

Tim hat es offenbar geschafft, in 25 Sitzungen seine Krankheit zu besiegen, allein durch die Kraft seiner Gedanken. "Wenn die Selbstregulierung gelingt, dann ist ADHS ganz weg, das Gehirn getunt", so die Autorin des Features.

Wozu dann überhaupt noch Pillen, wenn diese doch offenbar mehr schaden als nutzen, mag man sich jetzt als Laie fragen.

Das Problem ist vor allem die Polemik, die hier auf Kosten eines bewährten Medikaments betrieben wird: Methylphenidat schlecht - Neurofeedback gut; so bleibt es in den Köpfen hängen.

Mit Berichten wie diesen werde "eine Angst vor Stimulanzien hochkatapultiert, die völlig unangemessen ist", so der Neuropädiater und Neurofeedbacktherapeut Dr. Hans-Jürgen Kühle aus Gießen zur "Ärzte Zeitung".

Mit MPH wurden, berichtet Kühle, bereits Millionen von Patienten über Jahrzehnte behandelt; es wurde, gerade weil es die Gemüter stark bewegt, immer wieder in Studien getestet.

Mittlerweile liegen Langzeitstudien mit Laufzeiten von mehr als 30 Jahren vor, in denen die Sicherheit des Medikaments als unterstützende Therapie belegt wurde.

Voraussetzung ist immer der bestimmungsgemäße Gebrauch unter ärztlicher Kontrolle. Man muss sich bewusst sein, dass man es mit einem Medikament zu tun hat, das durchaus Nebenwirkungen haben kann.

Die richtige Dosierung ist daher ganz entscheidend, betont Kühle. Bei guter Einstellung lasse sich "die Kernsymptomatik so herunterfahren, dass der Patient ein Leben führen kann, welches seinen akademischen Fähigkeiten entspricht".

Den Vergleich mit Koks will der Pädiater so nicht stehen lassen: "Das ist, als ob Sie Cholesterin mit Kortison vergleichen." Es sieht so ähnlich aus, ist aber in seiner Wirkung ganz anders.

Auf eine MPH-Therapie sprechen etwa 95 Prozent der Patienten an - wenn auf 2,5 mg genau dosiert wird (J Atten Disord 2007; 10: 350).

Beim Neurofeedback, das zu den alternativen Therapien zählt und von den Kostenträgern derzeit nicht erstattet wird, geht man nach ersten Studien von Ansprechraten von etwa 50 bis 75 Prozent aus.

"Es schaffen eben nicht alle, die Selbststeuerung der Hirnaktivierung zu erlernen", sagt Kühle. Bei ADHS handle es sich außerdem um eine "Lifespan-Condition". Sie begleite die Patienten ihr Leben lang.

Gerade wenn Kinder in die Pubertät kommen, so der Experte, könne "vieles durcheinander geraten". Um den Erfolg einer Therapie zu beurteilen, sind Langzeitstudien also unerlässlich. Die vorliegenden Studien zur Neurofeedback-Therapie bei ADHS umfassen jedoch maximal zwei Jahre.

Neurofeedback als Ergänzung des Stimulans

Kühle setzt Neurofeedback in seiner eigenen Praxis seit etwa acht Jahren ein, meist in Ergänzung zum Stimulans. Bei vielen ADHS-Patienten erzielt er damit auch Erfolge, allerdings nur, wenn die Kinder motiviert sind und auch zu Hause weiter üben.

Dann kann bei einigen Patienten auf MPH verzichtet werden. Von Heilung zu sprechen, hält der Pädiater jedoch für verfrüht. Viel eher träfe der Begriff "Remission" zu.

Fazit: Neurofeedback kann die medikamentöse Therapie sinnvoll ergänzen, selten aber komplett ersetzen. Beide Verfahren sollen dem Patienten helfen, angemessene Problemlösungsstrategien zu erlernen, und sei es auch nur dadurch, dass er merkt, wie er im Alltag besser zurecht kommt und wieder Zuversicht entwickelt.

Kindern mit ADHS und ihren Familien ist jedenfalls nicht damit gedient, wenn man die beiden Therapieoptionen gegeneinander ausspielt.

[01.03.2015, 17:38:45]
Dr. Fritz Gorzny 
Auch an die Augen denken
In sehr vielen Fällen eines diagnostizierten AD(H)S häufig verbunden mit LRS/Legasthenie und Dyskalkulie waren die wahren Ursachen eine nicht korrigierte Fehlsichtigkeit, Anisometropien und assozieerte Heterophorien.
Nach Ausgleich dieser Störungen mit Brillengläsern und zusätzlich Prismengläsern gemessen nach der Methodik von H.J.Haase am Polatest, konnten die Beschwerdebilder vollständig auch ohne Medikation beseitigt werden.
Dr.Fritz Gorzny, Augenarzt, Koblenz.
Vizepräsident der Internationalen Vereinigung für Binokulares Sehen IVBS
 zum Beitrag »
[16.02.2015, 18:14:13]
Dr. Edith Schneider 
Was will man mehr?
Eine Methode um ADHS zu behandeln, OHNE Nebenwirkungen, erfolgreich zwischen 50 und 75%, was will man mehr?
Wenn man gute Geräte und gutes, geschultes Personal hat, gehen auch noch ein paar Prozentpunkte mehr - die Erfahrung machen meine Mitarbeiterinnen und ich in meiner Praxis seit neun Jahren und das nicht nur bei ADHS.

Für ADHS wird Neurofeedback übrigens im Rahmen einer ergotherapeutischen Behandlung von den gesetzlichen Kassen bezahlt. Die haben wahrscheinlich gemerkt, dass sich damit auf lange Sicht viel Geld und Leid sparen lässt.
Erfolge wie bei Tim sind bei uns an der Tagesordnung.

Wir freuen uns sehr über das stetig wachsende Interesse an Neurofeedback und begrüßen jede objektive Berichterstattung.
 zum Beitrag »
[14.02.2015, 13:59:25]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Oder vielleicht auch...
eine milde Form von Legasthenie? MfG zum Beitrag »
[13.02.2015, 23:25:36]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Tschuldigung, heute heist es korrekt neurokognitives Defizit
[13.02.2015, 23:18:41]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
wichtiger ist imho doch die Neurotoxizität aller Amphetamine
Besonders bei chronischem Gebrauch verblödet man. zum Beitrag »
[13.02.2015, 19:35:10]
Roland Dreyer 
Aktuelle Rote Hand zu Methylphenidat
Bekanntgabe der AkdÄ im Deutschen Ärzteblatt vom 13.02.2015:

"Bei Patienten unter Methylphenidat-Therapie können sehr selten medikamenteninduzierte Leberschädigungen auftreten, die im Einzelfall bis zum akuten Leberversagen führen können. Aus diesem Grund sollten behandelnde Ärzte auf Anzeichen von Hepatotoxizität achten und eine medikamentöse Genese differenzialdiagnostisch berücksichtigen, wenn unter laufender Therapie ein Leberschaden auftritt. Auch sollten Patienten mit vorbestehenden Lebererkrankungen regelmäßig klinisch und durch Bestimmung der Leberwerte überwacht werden. Nicht nur wegen des Risikos von Nebenwirkungen an der Leber sollte Methylphenidat ausschließlich gemäß den Voraussetzungen in der Fachinformation verordnet werden. Die Kontraindikationen müssen dabei streng eingehalten und Überdosierungen vermieden werden." zum Beitrag »
[13.02.2015, 11:06:22]
Roland Dreyer 
Aktuelle Rote Hand zu Methylphenidat
Bekanntgabe der AkdÄ im Deutschen Ärzteblatt vom 13.02.2015:

"Bei Patienten unter Methylphenidat-Therapie können sehr selten medikamenteninduzierte Leberschädigungen auftreten, die im Einzelfall bis zum akuten Leberversagen führen können. Aus diesem Grund sollten behandelnde Ärzte auf Anzeichen von Hepatotoxizität achten und eine medikamentöse Genese differenzialdiagnostisch berücksichtigen, wenn unter laufender Therapie ein Leberschaden auftritt. Auch sollten Patienten mit vorbestehenden Lebererkrankungen regelmäßig klinisch und durch Bestimmung der Leberwerte überwacht werden. Nicht nur wegen des Risikos von Nebenwirkungen an der Leber sollte Methylphenidat ausschließlich gemäß den Voraussetzungen in der Fachinformation verordnet werden. Die Kontraindikationen müssen dabei streng eingehalten und Überdosierungen vermieden werden." zum Beitrag »

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