Ärzte Zeitung, 02.10.2015

ADHS

"Risikokinder" schon im Kindergarten identifizieren

Heute weiß man, dass die ADHS vor dem siebten Lebensjahr beginnt. Durch Identifikation von Risikokindern hofft man, nicht nur die Eltern zu entlasten, sondern auch spätere Probleme der Kinder zu vermeiden.

Von Christine Starostzik

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1,5 Prozent der 3- bis 6-Jährigen erfüllen die Kriterien einer einfachen ADHS.

© olly / fotolia.com

MÜNCHEN. Im Kindergarten- und im Vorschulalter seien ADHS-Symptome noch schwer von alterstypischem Verhalten abzugrenzen, sagte die Kinderpsychiaterin Katja Becker von der Philipps-Universität Marburg beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in München.

Zumal altersspezifische Diagnosekriterien häufig fehlen. Viele Eltern berichten über Zappeligkeit, Rededrang, Ablenkbarkeit und häufiges Unterbrechen, aber oft sind kindliche Verhaltensweisen in diesem Alter situationsabhängig und die Symptome unspezifisch.

Trotzdem erfüllen der deutschen KIGGS-Studie zufolge bereits 1,5 Prozent der 3- bis 6-Jährigen die Kriterien einer "einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung". Auch komorbide Probleme wie oppositionelle Störungen (33,7 Prozent), Sprach- (7,6 Prozent) oder Angststörungen (4,4 Prozent) sind schon häufig, wie die PATS-Studie belegt.

Andererseits erfüllt jedes zweite dieser Kinder mit Erreichen des Grundschulalters die ADHS-Diagnosekriterien nicht mehr.

Defizite in der Motorik

Heute weiß man, dass ADHS vor dem siebten Lebensjahr beginnt. Typisch sind unter anderem wenig kreatives Spielen, Entwicklungsverzögerungen, grob- und feinmotorische Defizite, eine verminderte Frustrationstoleranz, Schwierigkeiten beim Einhalten von Regeln sowie ein geringes Durchhaltevermögen.

Der Aufbau stabiler Freundschaften bereitet Probleme, in der Familie eskalieren Auseinandersetzungen mit Eltern und Geschwistern schnell. Die Risikofreudigkeit der Kinder führt zu gehäuften Unfällen und Verletzungen.

Die Folge sind überforderte, hilflose Eltern mit inkonsequentem Erziehungsverhalten.

Altersgerechte Diagnostik wichtig

Durch frühzeitige Identifikation von Risikokindern hofft man, nicht nur die Eltern zu entlasten, sondern auch spätere Probleme der Kinder zu vermeiden. Besonders wichtig sei eine altersgerechte Diagnostik, so Becker. Zudem sollten außer den Eltern auch Erzieher in den diagnostischen Prozess einbezogen werden.

Neben Anamnese und Verhaltensbeobachtung seien Rating-Verfahren und Leistungsdiagnosen angebracht. Außerdem müssten die Entwicklung, eventuelle Risikofaktoren, aktuelle Belastungen sowie Komorbiditäten oder andere Ursachen für das Verhalten mit berücksichtigt werden.

Therapeutisch bewährt habe sich im Kindergartenalter in erster Linie ein Elterntraining (z. B. das Präventionsprogramm für Expansives Problemverhalten für Eltern und Erzieher), erklärte Becker. Die damit erreichte verbesserte Interaktion beeinflusst das kindliche Verhalten positiv und reduziert die Symptome.

Medikamente erst ab sechs Jahren

Daneben sind immer Beratung und Psychoedukation erforderlich. Auch spezifische Interventionen im Kindergarten haben Erfolg gezeigt.

Die medikamentöse Therapie ist erst ab einem Alter von sechs Jahren zugelassen. Eine Off-label-Therapie, so Becker, solle nur erfolgen, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien, und auch nur bei sehr stark betroffenen Kindern.

[04.10.2015, 10:16:35]
Dr. Fritz Gorzny 
Häufige Ursachen sind Sehstörungen
Bei der üerwiegenden Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen, die ich in meiner augenärztichen Praxis mit Schwerpunk "Binokularstörungen" untersucht habe,und die wegen einer Lese/Rechtschreibstörung und/oder KOnzentrationsproblemen im Sinner eines AD(H)S meine Praxis aufsuchten, fanden sich stets gravierende Sehstörungen.Meistens fand ich latente Hyperopien mit nicht korrigierten Astigmatismen und nicht korrigierten assoziierten Heterophorien.Inder Anamnese gaben die Eltern stetsan, dass Ihre Kinder in der Kindergartenphase nicht gerne gamalt oder gebastelt hätten, grob -und feinmotorisch aufällig , unruhig und unkonzentriert gewesen seien und häufig über Kopfschmerzen geklagt hätten. Hier besteht also offensichtlich ein ZUsammenhang zwischen frühkindlichen Auffälligkeiten und späteren Schulproblemen. In den meisten Fällen konnten diese Probleme durch Tragen einer Brillenkorrektion meist in Form einer Prismenbrille, die sowohl die Sehschwäche als auch das gestörte Binokularsehen ausgleicht, behoben werden. Es lohnt sich bei geschilderten Störungen auch schon im Kindergartenalter auf Sehfehler und einer assoziierten Heterophorie vulgo "Wnkelfehlsichtigkeit" zu untersuchen. zum Beitrag »

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