Ärzte Zeitung, 14.07.2004

Wenn Kontakt mit Fremden zum Alptraum wird

Schlüsselfragen helfen, eine soziale Phobie zu erkennen / Moderne Antidepressiva lindern die Ängste

WÜRZBURG (mf). Was vielen Menschen als erstrebenswert erscheint, etwa im Mittelpunkt zu stehen oder neue Leute kennenzulernen, ist für Menschen mit sozialer Phobie ein Greuel. Manche haben sogar Angst davor, in der Öffentlichkeit zu essen, in der Bank Geld abzuheben oder zu telefonieren.

Menschen mit sozialer Phobie kostet jeder Gang vor die Tür Überwindung. Das mindert auch die Karrierechancen. Foto: photodisc

Das berichtet der Psychologe Professor Borwin Bandelow von der Universitätsklinik Göttingen. Häufig ist auch der Kontakt zum anderen Geschlecht gestört. Da Prüfungssituationen in der Ausbildung und später Gespräche mit Vorgesetzten meist angstbesetzt sind, ist die Karriereleiter für Menschen mit sozialer Phobie oft versperrt. Und sollte dennoch eine Beförderung anstehen, kann leicht eine Krise heraufbeschworen werden, etwa, wenn damit die Verpflichtung verbunden ist, häufiger eine Rede zu halten.

In derartigen Situationen werden die Beschwerden oft auch körperlich: Das Herz rast, die Hände zittern oder die Luft wird knapp, sagte Bandelow auf einer Veranstaltung des Unternehmens Lundbeck in Würzburg. Um in angstauslösenden Momenten besser gerüstet zu sein, setzen Menschen mit sozialer Phobie oft auf Alkohol: Sie haben doppelt so häufig ein Alkoholproblem wie Menschen ohne soziale Phobie, so Bandelow.

Welche Ursachen den Kontakt zum Mitmenschen zum Albtraum werden lassen, ist weitgehend ungeklärt. Ein starker genetischer Einfluß gilt jedoch als sicher, so Dr. Gerhard Dieter Roth aus Ostfildern.

Die Diagnose erfolgt oft eher zufällig in Krisensituationen mit somatischen Beschwerden. Wie selten die Betroffenen wegen ihrer psychischen Beschwerden den Arzt aufsuchen, verdeutlicht eine Studie mit 98 Patienten mit sozialer Phobie. Von diesen haben nur 33 Prozent den Arzt wegen psychischer Beschwerden aufgesucht. Ihre Problematik tatsächlich angesprochen haben nur drei Prozent, so Bandelow.

Für die Diagnosestellung in der Praxis hätten sich Schlüsselfragen etabliert, sagte Roth. Etwa: "Können Sie fremde Leute ansprechen?" Oder: "Wie geht es Ihnen, wenn Sie durch ein Lokal gehen und Leute schauen Sie an?"

Durch Studien am besten abgesichert, so Bandelow, sei die Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, Serotonin-Nor-adrenalin-Wiederaufnahmehemmern oder reversiblen Monoamino-Oxidase-Hemmern, idealerweise kombiniert mit kognitiver Verhaltenstherapie. Für die psychoanalytische Therapie gebe es bisher nur unzureichende bis fehlende Wirksamkeitsnachweise.

Bewährt hat sich auch das Expositionstraining, bei dem eine der Übungen darin besteht, daß Patienten mit erhobenen Armen durch eine Menschenmenge spazieren, was den Teilnehmern nach einiger Zeit sogar eine gewisse Freude bereite, wie die Ärzte schilderten.

Sich ganz besonders exponiert und dabei ausgesprochen kreativ seinen Ängsten entgegengewirkt, hat übrigens der verstorbene Komiker Heinz Erhardt. Seine dick umrandete, riesige Brille diente nämlich keineswegs dazu, seine Sehschärfe zu erhöhen. Sehprobleme hatte er nicht, aber Angst.

Soziale Phobie beginnt früh

Etwa sechs bis zehn Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an einer sozialen Phobie. Meist entwickelt sich die Erkrankung zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr, oft wird die Diagnose aber erst zwei Dekaden später gestellt. Zur Behandlung wird eine Kombination von modernen Antidepressiva und kognitiver Verhaltenstherapie empfohlen.

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