Ärzte Zeitung, 07.11.2005

Warum kleine Risiken bei vielen große Angst hervorrufen

Psychiater Borwin Bandelow: Bedrohlich ist, was man nicht einschätzen kann / Wer tagelang über Bedrohungen grübelt, braucht eine Therapie

Noch ist kein Vogel in Deutschland aufgetaucht, der mit der Vogelgrippe-Variante H5N1 infiziert wäre, und noch scheint das Virus zwischen Menschen nicht übertragbar zu sein. Dennoch: Die Menschen haben Angst vor ihr. Hausärzte erleben einen regelrechten Run auf die Grippeimpfung, obwohl überall zu lesen ist, daß die Impfung vor Vogelgrippe nicht schützen würde. Woher kommt diese Angst?

Angst vor Spinnen - nicht jeder kommt damit alleine zurecht und braucht deshalb die Hilfe eines Psychiaters. Foto: DAK

Von Nicola Siegmund-Schultze

Der Schock-Effekt durch potentielle neue Seuchen ist nicht neu. Ob SARS im vergangenen Jahr oder die Milzbrandbriefe vor vier Jahren: Die Chancen waren jedes Mal gering, daß Bundesbürger dadurch gesundheitlich Schaden nähmen, die Medien aber wochenlang voll von den Themen und die Hotlines von medizinischen Beratungsstellen sehr gefragt.

Neue, unbekannte Gefahren sind besonders bedrohlich

Dabei ist es wahrscheinlicher, an den Folgen eines Verkehrsunfalls, einer hochkalorischen Ernährung oder an den Schäden des Rauchens zu sterben. "Neue, bislang unbekannte Gefahren sind für Menschen besonders bedrohlich", sagt Professor Borwin Bandelow, Psychologe und Psychiater aus Göttingen. "Bedrohlich ist, was man konkret nicht einschätzen kann, und was man auch als teilweise unnötiges Risiko betrachtet."

      Angst ist eine treibende Kraft, um das Überleben zu sichern.
   

Entwicklungsgeschichtlich haben diese Ängste nach Angaben von Bandelow durchaus Sinn gemacht und sich deshalb vermutlich auch im Erbgut erhalten. "Unsere Vorfahren sind durch Angst motiviert worden vorzusorgen, zum Beispiel Nahrungsvorräte anzulegen oder warme Kleidung für den Winter vorzubereiten, wenn sie in kältere Regionen gezogen sind", so der Wissenschaftler. "Wer nicht erfolgreich vorgesorgt hat, konnte nicht überleben, seine Gene nicht weitergeben. Wir mit unserem gut entwickelten Gesundheitsversorgungssystem, unseren Versicherungen, unseren Airbags im Auto, wir sind die - in Bezug aufs Überleben - erfolgreichen Nachfahren der Angsthasen."

Als Vermächtnis der Ahnen seien uns aber auch Ängste geblieben, die in unserer heutigen Lebenswelt keinen Vorteil mehr haben, so Bandelow, etwa die Angst vor Spinnen. An dieser Phobie leiden 48 Prozent der Deutschen. Sie ist teilweise so stark ausgeprägt, daß sie einer Behandlung bedarf. "Phobien vor Spinnen, aber auch vor anderen Tieren wie Mäusen oder Hunden, außerdem generalisierte Angststörungen und Panikstörungen - das sind die Erkrankungen der meisten Patienten, die zu uns kommen", erläutert Bandelow.

Phobien vor Spinnen oder anderen Tieren seien ein Relikt aus Zeiten, in denen von diesen Arten tatsächlich eine Gefahr ausging, so der Forscher. Die Angst vor Hunden entspreche der - in Vorzeiten berechtigten - Angst vor Raubtieren, Mäuse und Ratten waren gefährliche Krankheitsüberträger. Giftige Spinnen sind in den weniger befestigten Domizilen in Afrika noch heute eine reale Gefahr, in Mitteleuropa aber nicht mehr.

Wann aber ist eine Gefahr real, die Angst vor ihr berechtigt? "Natürlich gibt es Übergangsbereiche, Grauzonen", sagt Bandelow, "und natürlich basieren Ängste auf einer diffusen Gemengelage von gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen - bei deren Vermittlung Medien eine zentrale Rolle spielen - mit der Lebenssituation des Individuums."

Bestimmte Zukunftsängste haben einen realistischen Hintergrund, etwa die zunehmende Angst der Deutschen, sie oder ihr Partner könnten künftig arbeitslos werden. Diese Angst äußerten repräsentativen Umfragen der "Apotheken-Rundschau" zu Folge 2001 neun Prozent der Menschen, und 2005 waren es schon mehr als 24 Prozent. "Wenn sie vielleicht sogar in einem Unternehmen arbeiten, das Entlassungen ankündigt, ist diese Befürchtung völlig real." Auch die zunehmende Angst der Bürger, daß sie selbst oder Familienmitglieder unheilbar krank und zu einem Pflegefall werden könnten, sei angesichts der vermutlich schlechter werdenden Versorgung eine realistische Angst.

Bei der generalisierten Angststörung kreisen die Gedanken zwar ebenfalls um Gefahren, die nicht abwegig sind, nur die Angst davor ist übertrieben. Anders als bei Phobien beschränken sich die Angstreaktionen nicht auf bestimmte Situationen, sondern die Patienten sind allgemein überbesorgt: Sie fürchten ständig, einem Familienmitglied oder ihnen selbst könne etwas zustoßen: ein Unfall, eine schwere Krankheit.

Kommt jemand nicht pünktlich nach Hause, fürchten die Patienten, der Partner oder die Kinder könnten Opfer eines Verbrechens geworden sein. "Menschen mit einer generalisierten Angststörung können ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren", sagt Bandelow. "Wer die Hälfte des Tages oder mehr mit Grübeln über solche Bedrohungen verbringt, vielleicht zusätzlich depressiv ist und schon Suizidgedanken hatte, bedarf einer Behandlung", so der Psychiater.

Sollte Angst gezielt für die Prävention genutzt werden?

"Angst ist ein zentraler Motor, um vorzubeugen und das Überleben zu sichern", so Bandelow. Seit langem diskutieren Kommunikationsexperten deshalb auch darüber, ob Präventionskampagnen die Angst vor Gesundheits-Risiken gezielt nutzen oder an andere Gefühle wie Verantwortung für sich selbst oder Rücksicht auf andere appellieren sollten.

Die "Vogelgrippe-Hysterie", wie Dr. René Gottschalk vom Stadtgesundheitsamt Frankfurt es nennt, habe mit der erhöhten Impfbereitschaft auch Positives bewirkt. In früheren Jahren habe man sich mit Aufrufen zur Grippeprophylaxe den "Mund fusselig geredet" - ohne die erhoffte Resonanz. Die Vogelgrippe zeigt also: Wirkungsvoll ist Angst für das Aktivieren zur Prävention allemal.

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