Ärzte Zeitung, 22.08.2006

Last-Minute-Gespräch mit Schokoriegel gegen Flugangst

Erste deutsche Flugangst-Ambulanz am Flughafen Düsseldorf / Kurze Beratungen und lange Einzelgespräche

Von Katrin Pepping

Drei Jahre lang ist Werner per Nachtzug und Schiff nach Mallorca in den Urlaub gereist. "Im Flugzeug habe ich das Gefühl, gläsernen Boden unter mir zu haben", sagt er. Im Herbst hat der Geschäftsmann aus Hannover seiner Frau aber eine Reise über die Grenzen Europas hinaus versprochen - mit dem Flugzeug. Zuvor muß er nun seine Flugangst überwinden. Dazu hat sich Schulte in die Hände der deutschlandweit ersten Flugangst-Ambulanz am Düsseldorfer Airport begeben.

Angsterregende Situation: im Flugzeug. 16 Prozent der Deutschen leiden unter Flugangst, weitere 22 Prozent spüren beim Fliegen Unbehagen. Fotos: dpa

Die nordrhein-westfälische Filiale des deutschen Flugangstzentrums in Bechenheim in Rheinland-Pfalz bietet in direkter Nähe zur Startbahn die Möglichkeit zu Last-Minute-Beratungen und auch längeren Einzelgesprächen. Gummibärchen und Schokoriegel liegen auf Beistelltischen neben den Entspannungssesseln.

An der Wand weckt eine Weltkarte das Fernweh, und von der Fensterbank signalisieren Miniatur-Flugzeugmodelle Harmlosigkeit. In dieser Umgebung begrüßt der Psychologe Marc-Roman Trautmann in Ringelpulli und Jeans seine Patienten. Mit medizinischen Auskünften, Informationen über Technik, Sicherheit und Flughäfen sowie Entspannungsübungen will er die Angst vor dem Fliegen mindern.

In der Flugangst-Ambulanz: Der Psychologe Marc Roman Trautmann berät eine junge Frau vor einem Flug.

Seit 20 Jahren Angst vor dem Fliegen

Seit der Hochzeitsreise in den 80ern habe er Panik vor dem Abstürzen, berichtet ihm Werner, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Damals habe er in der Hektik eines tunesischen Flughafens beobachtet, wie die Maschine, mit der er später fliegen sollte, Landeschwierigkeiten hatte. "Seitdem habe ich mich vor dem Fliegen gedrückt", so Werner. Als er sich Jahre später doch wieder an Bord eines Flugzeugs wagte, habe er Wochen vorher mit seinem Leben abgeschlossen.

Meist resultiere Flugangst aus Streß, erklärt ihm Traumann: "Fliegen bietet alles, was für den Menschen ungewöhnlich ist: Höhe, Druck, Enge, und man begibt sich in fremde Hände." So sieht er bei Werner in der Hektik auf dem afrikanischen Flughafen und einem kurz vorher erfolgten Berufswechsel die Ursachen für die Flugangst. "Der Flug hat diesen Streß dann bei Ihnen über die Schmerzgrenze hinaus verstärkt."

Zwei jungen Frauen sitzen angespannt in einer Chartermaschine auf dem Bremer Flughafen. Sie nehmen an einem Flugangst-Seminar teil.

Statistisch gesehen leiden 16 Prozent der Deutschen unter Flugangst. Weitere 22 Prozent spüren nach Angaben des Allensbacher Instituts für Demoskopie beim Fliegen Unbehagen.

Der Psychologe versucht Werner vor allem mit technischen Fakten die Angst vor dem Fliegen zu nehmen. Er erklärt, daß Luftlöcher eigentlich nur Wellen im Luftteppich und maximal wenige Meter tief sind und daß das Ausfallen aller Triebwerke eines Flugzeugs so wahrscheinlich sei, wie sechs Richtige im Lotto an drei aufeinander folgenden Samstagen. "Da wird so viel Blödsinn durch Hollywood-Filme transportiert", sagt Trautmann.

In der Flugzeugwerft kann man Flieger genau kennenlernen

Dem Hannoveraner Geschäftsmann vermittelt der Psychologe nach dem Einzelgespräch zusätzlich einen Termin in der Flugzeugwerft in Frankfurt. Dort soll er einen Flieger am Boden stehend mit all seinen Sicherheitsvorkehrungen kennenlernen. Werner wünscht sich zusätzlich einen von einem Psychologen begleiteten Flug. Auch das vermittelt die Flugangst-Ambulanz.

Ein 45minütiges Einzelgespräch, wie es Werner wahrgenommen hat, kostet in der Flugangst-Ambulanz 25 Euro, kurze Last-Minute-Gespräche sind kostenlos. "Das ist für Leute gedacht, die konkrete Fragen haben", so Trautmann. Je nach Bedarf vermittelt die Ambulanz dann weitere Hilfe wie Gespräche mit einem Piloten oder ganze Wochenend-Seminare gegen Flugangst.

Bereits 30 Personen hat die Flugangst-Ambulanz in Düsseldorf seit Anfang August beraten. Besonders in den letzten Tagen nach der vereitelten Anschlagserie auf Passagierflugzeuge in Großbritannien sei die Nachfrage noch einmal sprunghaft gestiegen, berichtet Trautmann. "Viele zweifeln jetzt an der Sicherheit von Flugzeugen." Dabei habe die Tatsache, daß die Attentate verhindert wurden, doch gezeigt, wie hoch die Sicherheitsstandards sind. "Wir versuchen das unseren Patienten als etwas Positives zu vermitteln", sagt Trautmann. (dpa)

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