Ärzte Zeitung, 09.04.2013

Dauerkopfschmerz

Patienten nach Albträumen fragen

Überlebende von Verbrechen oder Vertriebene kämpfen oft lange mit den Folgen des Traumas - und entwickeln nicht selten Dauerkopfschmerzen. Über posttraumatische Belastungsstörungen sprachen wir mit Professor Thomas Elbert von der Uni Konstanz.

Das Interview führte Christine Starostzik

Thomas Elbert

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© Inka Reiter

Professor für Klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz

Vorstandsmitglied von "vivo" (Victims voice), der Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten weltweit behandelt.

Mehr zum PTSD gibt es auf dem Neurologen- und Psychiatertag am 13. April in Köln; Infos auf: www.bvdn.de

Ärzte Zeitung: Herr Professor Elbert, Sie untersuchen die Entstehung posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS oder PTSD). Gibt es hier neue Erkenntnisse?

Professor Thomas Elbert: Ich denke, wir haben ein gutes Modell für die Ursachen von posttraumatischen Belastungsstörungen. Sensorische Eindrücke wie Bilder oder Geräusche werden zusammen mit Gedanken und Gefühlen an einem anderen Ort im Gehirn abgespeichert als kontextuelle Information, also wann und wo etwas geschehen ist.

Furchtbare Ereignisse verlieren ihren Schrecken immer dann, wenn sie Ort und Zeit zugeordnet werden, wenn sie somit als Erinnerung verstanden werden. Gelingt dies nicht, zieht der Schrecken in die Gegenwart ein.

Jedes Mal, wenn dann eine ähnliche Situation erlebt wird, fühlt man sich genauso wie damals bedroht. Ein einziges Erlebnis wie ein Verkehrsunfall wird zusammen mit der kontextuellen Information abgespeichert.

Das Problem beginnt bei mehreren solchen Ereignissen. In dem Moment, wo der Kontext der Einzelsituation verlorengeht, beginnt die posttraumatische Belastungsstörung.

Bei welchen Symptomen muss ein Hausarzt bei seinem Patienten an eine PTSD denken?

Das Hauptproblem ist, dass dem Patienten die Erinnerung an diese schreckliche Dinge Angst macht. Er will dem Arzt auf keinen Fall einen Hinweis geben, um die mit der Situation verbundene starke Angst zu vermeiden. Diese Vermeidung ist eines der Kernsymptome der posttraumatischen Belastungsstörung.

90 Prozent unserer Patienten haben anhaltende schwere Kopfschmerzen. Wenn jemand mit Dauerkopfschmerzen oder anderen körperlichen Schmerzen, die nicht ohne Weiteres ins Bild passen, in die Praxis kommt, sollte man deshalb nach Albträumen fragen.

Denn der Erinnerungsdruck kommt vor allem in der Nacht durch. Ist der Patient zusätzlich schreckhaft oder hat Probleme, seine Emotionen zu regulieren, sollte eine PTSD beim Psychologen sofort abgeklärt und gegebenenfalls behandelt werden.

Sie haben zur Behandlung von Flüchtlingen aus Krisengebieten eine spezielle Kurzzeittherapie, die Narrative Expositions-Therapie (NET), entwickelt. Wie unterscheidet sich diese von PTSD-Standardverfahren und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Reden müssen wir immer über den Schrecken. Allerdings gehen Therapien wie die "Prolonged Exposure" oder das "Eye Movement Desensitization Reprocessing" von einer zentralen traumatischen Erfahrung aus, die wieder und wieder bearbeitet wird.

Aber die PTSD entsteht nicht durch ein einziges Trauma, sondern im Zusammenhang mit ähnlichen Gefühlen oder Schmerzen in der Vergangenheit, die sich verselbstständigt haben.

Deshalb berichtet der Patient bei der NET über sein Leben von den frühesten Erinnerungen an, und wir besprechen alle traumatischen Erlebnisse detailliert. Dann werden Gedanken und Gefühle jedes einzelnen Ereignisses mit den episodischen Erinnerungen verknüpft.

Die Kernexposition dauert bei der NET etwa so lange wie bei Standardtherapien, beispielsweise acht Sitzungen bei Folteropfern. Danach kann der Patient die Situationen der Vergangenheit zuordnen, und die diffuse Angst der Gegenwart verschwindet. Weitere Behandlungen sind selten nötig.

Wir setzen die NET bei allen Patienten mit PTSD ein. Etwa zwei Drittel von ihnen sind nach der Behandlung symptomfrei, die restlichen erfahren meist eine Besserung.

Ein spezielles Problem besteht bei Patienten, die selbst zu Tätern geworden sind. Diese Schwierigkeiten sind Teil unserer aktuellen Forschung.

Wie können sich Krisenhelfer davor schützen, selbst eine PTSD zu entwickeln?

Noch bevor Traumasymptome auftreten, sollten Helfer nach einem schrecklichen Ereignis bewusst die geschichtliche Verortung der Situation vornehmen. Beim Arbeiten mit traumatisierten Personen ist man selbst durch die Erfolge geschützt, die mithilfe der Exposition beim Patienten erzielt werden.

Allerdings müssen die Helfer vermeiden, die Erlebnisse der Opfer in ihre eigenen Erinnerungen einzubauen. Und dies gelingt am besten durch den Austausch der Helfer untereinander.

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