Ärzte Zeitung, 10.03.2004

INTERVIEW

Eine Institution wissenschaftlichen Querdenkens

FRANKFURT AM MAIN. Mit der Gründung des "Frankfurt Institute for Advanced Studies" (FIAS) existiert seit Ende vergangenen Jahres in Frankfurt am Main ein weltweit nahezu einzigartiges Forschungsinstitut. Ziel der Kooperation privater und öffentlicher Institutionen ist es, mehrere Forschungszweige miteinander zu verzahnen, um komplexe Systeme der Natur besser verstehen zu können. Im wissenschaftlichen Beirat sitzen unter anderem drei Nobelpreisträger: die Professoren Dr. Günter Blobel, Dr. Horst Störmer und Dr. Hartmut Michel. Mit einem der Gründer des FIAS, Professor Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung, hat Thomas Meißner von der "Ärzte Zeitung" über die Ziele des Instituts gesprochen.

      
«Ein internationaler Fachbeirat überwacht unsere Arbeit.»
 

Professor Wolf Singer
Max-Planck-Institut für Hirnforschung

 

Ärzte Zeitung: Herr Professor Singer, das FIAS soll eine Institution naturwissenschaftlichen Querdenkens werden. Was ist damit gemeint?

Singer: Unterschiedliche Disziplinen sollen unter einem Dach vereinigt werden, um sich mit Problemen der Biologie auseinanderzusetzen. Es gibt einen zunehmenden Bedarf an der theoretischen Durchdringung von Systemzusammenhängen in biologischen Organismen. Das gilt für das Gehirn, das gilt für Signalsysteme in Zellen oder auch für das Genom.

Wir vermuten, daß in solchen Systemen, die sich in der Evolution ja zielgerichtet entwickelt haben, ähnliche Grundprinzipien bei der Strukturbildung oder bei der Verarbeitung, Speicherung und Weitergabe von Informationen zum Tragen kommen. Um diese Prinzipien zu erforschen, braucht es Verfahren aus der theoretischen Physik, der Mathematik und der Informatik.

Ärzte Zeitung: Interdisziplinäres Denken steht bei Ihnen im Unterschied zu klassischen Instituten also im Vordergrund?

Singer: Es ist nicht ganz einfach, innerhalb der üblichen Fakultätsgrenzen von Universitäten solche interdisziplinären Unternehmungen zu realisieren. Deshalb ist das FIAS als Stiftungs-Institut gegründet worden und zwischen den Fakultäten der Universität in Frankfurt am Main angesiedelt. Es wird vorwiegend mit privaten Mitteln unterstützt. Diese "Public Private Partnership" ist etwas relativ Neues in Deutschland. In den USA ist das gang und gäbe.

Ärzte Zeitung: Wann beginnen die ersten Aktivitäten?

Singer: Wir sind mitten drin. Vor kurzem ist der Stiftungsbeirat zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetreten. Ein internationaler Fachbeirat unterstützt uns bei der Auswahl der Fellows und überwacht unsere Arbeit. Wir haben inzwischen 160 Bewerbungen von Wissenschaftlern gesichtet und eine Vorauswahl von 18 getroffen, die in Kolloquien noch einmal überprüft werden.

Parallel dazu ist die International Graduate School an der Frankfurter Universität gegründet worden. Dort werden zu den Themen, die im FIAS bearbeitet werden, Doktoranden ausgebildet. Damit soll eine neue Generation von Wissenschaftlern herangezogen werden, die diese interdisziplinären Aufgaben bewältigen können. Für die Doktoranden werden großzügige Stipendien zur Verfügung gestellt.

Ärzte Zeitung: Welche wissenschaftlichen Ziele verfolgen Sie am FIAS?

Singer: Wir haben in den vergangenen Dekaden enormen Aufwand betrieben, um komplexe Systeme in ihre Einzelteile zu zerlegen und die einzelnen Elemente zu beschreiben. Nehmen Sie etwa das Gehirn, die detaillierte Beschreibung der Neuronen, ihre Funktionsweise, Signaltransduktionskaskaden sowie ihre molekularen Bausteine. Das hat uns aber nicht weitergebracht im Verständnis des Zusammenwirkens dieser vielen Elemente. Auch beim Genom haben wir sozusagen die Buchstaben und Worte entziffert, sind aber weit davon entfernt, das Interaktionsgeflecht zu verstehen, was die eigentliche Information enthält. Wir wollen verstehen, wie die Architektur solcher Systeme aussehen muß, um sinnvolle Leistungen zu erbringen.

Ärzte Zeitung: Mit welchen Methoden wollen Sie diese komplexen Systeme erfassen?

Singer: Wir werden nicht experimentell arbeiten, sondern auf der Basis von verfügbaren Daten Theorien erarbeiten und Voraussagen für neue Experimente machen. Dies bedarf der theoretischen Durchdringung von Systemeigenschaften. Diese wollen wir leisten.

Ärzte Zeitung: Können Sie einige Bereiche nennen, in denen sich das FIAS betätigen wird?

Singer: Das wird sich wesentlich nach den Forschern richten, die sich bei uns auf Stellen bewerben. Die großen Bereiche sind theoretische Neurobiologie, theoretische Physik, und eine Gruppe wird sich mit Fragen der theoretischen Biologie auf Molekülebene befassen. Pro Bereich werden zunächst drei Fellows und drei Guestfellows arbeiten. Hinzu kommen jeweils drei bis vier Doktoranden von der Graduate School.

Ärzte Zeitung: Was halten Sie von der aktuellen Diskussion um Elite-Universitäten?

Singer: 50 Millionen Euro in irgendeine Universität zu stecken, um dort eine Elite zu erzeugen, das funktioniert mit Sicherheit nicht. Eliteförderung geschieht durch thematische Fokussierung, durch Auswahl der Besten und durch Schaffung optimaler Rahmenbedingungen. Das kann man nur punktuell machen oder man gründet eben neue Institutionen, die sich frei aussuchen können, wer angestellt wird und die unabhängig sind von den Beschränkungen, die einem das Arbeitsrecht im öffentlichen Dienst aufzwingt.

Weitere Infos zum "Frankfurt Institute for Advanced Studies" (FIAS) im Internet unter www.fias.uni-frankfurt.de

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