Ärzte Zeitung, 25.08.2004

Bild der Psychiatrie in der Öffentlichkeit ist oft unvollständig

Image der Psychoanalyse in den Medien besser als medikamentöse Therapie

BAMBERG (sto). Von der Psychiatrie wird in den Medien oft ein unvollständiges und manchmal auch ein falsches Bild gezeichnet. Häufig würden in der Berichterstattung zum Beispiel die unerwünschten Wirkungen von Psychopharmaka in den Vordergrund gerückt, sagt Professor Hans-Jürgen Möller, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität in München.

"Das macht uns Probleme", sagte Möller bei der 2. München-Bamberger Medientagung über "Psychiatrie in den Medien - Fiktion und Wirklichkeit!" Psychoanalyse, Gesprächstherapien und Naturheilverfahren hätten in den Medien ein deutlich besseres Image als die medikamentöse Therapie. Das zeige sich auch in Umfragen in der Bevölkerung.

Die durch die Medien vermittelte Sichtweise spiegele freilich auch die soziale Repräsentanz der Psychiatrie in der Gesellschaft wider, räumte Möller ein. Psychiater seien in der Bevölkerung und auch bei den ärztlichen Kollegen "nicht sehr angesehen", erklärte Möller.

Über die Schwierigkeiten, psychiatrische Themen im Fernsehen darzustellen, berichtete Dr. Silke Yeomans aus der Medizinredaktion des Bayerischen Fernsehens. Die Redaktion bemühe sich, medizinisch gesichertes Wissen zu vermitteln. Bei den Zuschauern stoße diese "heile Welt der Medizin" jedoch oftmals auf Widerspruch.

Empfehlungen der Redaktion, zum Beispiel Medikamente nicht eigenmächtig abzusetzen, rufen nach Yeomans Angaben regelmäßig Zuschauer auf den Plan, die auf Naturheilmittel schwören und die dem Fernsehen vorwerfen, unkritisch Pharmaka zu propagieren.

Mit solchen Ansichten habe auch die forschende pharmazeutische Industrie zu kämpfen, erinnerte Dr. Nick Schulze-Solce vom Unternehmen Lilly. "Wir alle haben die Erwartung, daß Alzheimer-Patienten in zehn Jahren besser behandelt werden können als heute". Und dennoch würden neue Medikamente immer wieder als Schein-Innovationen und Me-too-Präparate disqualifiziert, die zudem auch noch überteuert seien. Tatsächlich sei das Billige aber nicht immer das Beste.

Bei den atypischen Neuroleptika müsse zum Beispiel berücksichtigt werden, daß sich durch eine Behandlung mit diesen Medikamenten die Arbeitsunfähigkeit erheblich reduziert und die Produktivität erhöht, sagte Schulze-Solce. Als einen "bewußten Kontrapunkt" zum Standpunkt der pharmazeutischen Industrie charakterisierte Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, seine Ausführungen. Es gebe zu viele Arzneimittel, viele seien nur Pseudoinnovationen, manche sogar schädlich, meinte er und erntete damit vielfältigen Widerspruch.

Im Bestreben, die Ursachen für Ausgabensteigerungen im Gesundheitswesen dingfest zu machen, geraten immer wieder Arzneimittelkosten ins Blickfeld, so auch bei psychiatrischen Behandlungen. Tatsächlich machen die Medikamente aber nur etwa 5,8 Prozent der direkten Gesamtkosten einer stationären Versorgung aus, erklärte Professor Wilfried Günther, Chefarzt der Nervenklinik Bamberg. In der Klinik koste die Behandlung eines Patienten mit Schizophrenie ein Vielfaches dessen, was ambulant erforderlich sei.

Auf den seit einigen Jahren wachsenden Anteil psychischer Erkrankungen an den Krankschreibungen, wies Professor Jürgen Fritze vom Verband Privater Krankenversicherungen hin. Depressionen, Suchterkrankungen oder Angststörungen würden zunehmend häufig diagnostiziert. Andererseits, so Fritze, würden viele Patienten nicht adäquat oder gar nicht behandelt. Viele seien nur beim Analytiker in Behandlung.

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