Ärzte Zeitung, 01.07.2004

HINTERGRUND

Auch wer nicht an Vorurteile glaubt, läßt sich von ihnen beeinflussen

Von Eckhard Stengel

"Mädchen sind doof!", wissen kleine Jungen ganz genau. Wenn sie erwachsen werden, urteilen sie nur wenig differenzierter: "Blondinen sind dumm!" Das läßt die zu unrecht Geschmähten nicht kalt: Wenn sie kurz vor einem Test an dieses Vorurteil erinnert werden, dann schneiden viele von ihnen tatsächlich schlechter ab als andere - auch wenn sie selber an den Spruch gar nicht glauben.

So jedenfalls lauten erste Ergebnisse eines groß angelegten Forschungsprojekts des Sozialpsychologen Jens Förster, das im Herbst 2003 an der privaten Elitehochschule "International University Bremen" (IUB) gestartet wurde und noch bis 2009 dauern soll.

Eine der Versuchsanordnungen: 80 Frauen, die Hälfte davon blond, lasen zunächst Witze, in einigen Fällen auch über Blondinen. Danach wurden sie zu einem vermeintlichen Intelligenztest gebeten. Das Ergebnis: Diejenigen blonden Frauen, die Witze über sich gelesen hatten, reagierten meist verunsicherter als jene blonden Frauen, die nicht entsprechend eingestimmt worden waren.

Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung

Daß Menschen unter dem Einfluß von Vorurteilen schlechter abschneiden, ist schon aus früheren Versuchen bekannt. Zum Beispiel vermasselten Schwarze in den USA einen Intelligenztest immer dann, wenn ihnen kurz vorher bedeutet wurde, daß sie ja doch nicht so helle im Kopf seien. Der US-Sozialpsychologe Claude Steele sieht hier eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Mißerfolgserwartungen lösen Druck und Versagensängste aus und blockieren dadurch die Leistungsfähigkeit.

IUB-Professor Förster (39) findet dieses Modell aber nicht differenziert genug. Er hat einen eigenen Ansatz entwickelt und überprüft ihn jetzt in seinem Forschungsprojekt. Laut Förster verursachen Vorurteile nur eine bestimmte Art von Leistungseinbußen: Die Betroffenen arbeiten in der Regel zwar langsam, aber dafür sorgfältig, damit sie bloß keine Fehler machen. Das kann in vielen Fällen sinnvoll sein - allerdings nicht unbedingt in Prüfungssituationen, denn da herrscht meist Zeitdruck.

Wenn es also schnell gehen soll oder wenn vor allem kreative Lösungen gefragt sind, dann schneiden laut Förster am ehesten jene gut ab, denen vorher positive Eigenschaften zugeschrieben wurden. Viele von ihnen werden dadurch ermutigt, zielstrebig, einfallsreich und forsch an die Arbeit zu gehen - was aber auch eine Kehrseite hat: Sie sind nicht so sorgfältig und machen mehr Fehler.

Wenn Chefs ihren Mitarbeitern einreden, sie seien zu dumm...

Ein anderer Versuch, der diese Theorie belegt: Frauen und Männer sollten dünne Drähte in Fliegengitter flechten. Wenn die Aufgabe als Stickarbeit ausgegeben wurde, dann hantierten die meisten Frauen schneller, aber weniger präzise als die Männer. Wurde die Arbeit dagegen als technische Aufgabe angepriesen, dann fühlten sich die Herren bestärkt, werkelten meist zügiger, aber sorgloser.

Wenn Bürochefs ihren Buchhaltern zielgerichtet einreden, sie seien ja viel zu dumm für ihre Arbeit - damit sie wegen dieses Vorurteils besonders penibel ans Werk gehen, dürfte dieser Trick sogar funktionieren, meint Projektleiter Förster. Aber er warnt: Wer seine Mitarbeiter ständig ermahnt und entmutigt, erntet Unzufriedenheit und schwächt dadurch die Leistung.

Förster wirbt lieber für andere Konsequenzen aus seinen Forschungen: "Man sollte überlegen, den Zeitdruck bei Prüfungen zu lockern." Außerdem empfiehlt er, daß sich betroffene Examenskandidaten - zum Beispiel Frauen in klassischen Männerfächern - den Druck der Vorurteile bewußt machen und versuchen, schneller und dafür weniger sorgfältig zu arbeiten. "Dann ist man diesen Prozessen nicht völlig ausgeliefert."

Vorurteile unterdrücken zu wollen, hält Förster dagegen für aussichtslos. Was einmal im Gedächtnis gespeichert sei, lasse sich "nicht einfach wegradieren", sagt er. "Versuchen Sie mal fünf Minuten lang, absichtlich nicht an Eisbären zu denken!" Zwar könne es nötig sein, Minderheiten auch gesetzlich gegen Diskriminierung zu schützen; aber in den Köpfen lasse sich ein Umdenken nur langfristig erreichen - am besten, indem man mit bisher abgelehnten sozialen Gruppen positive Erfahrungen mache und angenehme Vorstellungen mit ihnen verbinde.

Übrigens können Vorurteile auch sinnvoll sein, wie Förster anmerkt: "Sie ermöglichen es uns, Menschen und Situationen schnell einzuschätzen und in den Griff zu bekommen." Wer etwa nachts einen Mann mit Messer an der Hausecke sieht, lebt wahrscheinlich gesünder, wenn er Vorbehalte gegen Dunkelmänner gespeichert hat. Richtig problematisch, meint Förster, würden Stereotype erst dann, wenn sie den genauen Blick auf den Einzelnen verstellen.

FAZIT

Wer kurz vor einem Test mit Vorurteilen konfrontiert wird, die die eigene Person betreffen, schneidet tatsächlich schlechter ab, selbst wenn er die Meinung über sich nicht teilt. Das ist das Zwischenergebnis eines Forschungsprojektes, das an der privaten Elitehochschule in Bremen gestartet worden ist. Aufgrund des geäußerten Vorurteils gehen Prüflinge nämlich meist viel sorgfältiger an die Aufgaben heran, so daß am Ende oft die Zeit knapp wird. Daher sollte man sich den Druck der Vorurteile bewußt machen, raten die Forscher.

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