Ärzte Zeitung, 23.08.2004

Muttersprache prägt das Denken

Gibt es in der Sprache keine Zahlwörter, sind größere Mengen nicht zu unterscheiden

WASHINGTON (ddp). Die Muttersprache prägt die Wahrnehmung und die Denkstruktur eines Menschen viel stärker als bislang angenommen. So können Menschen, die mit einer Sprache ohne Zahlen aufwachsen, auch gedanklich eine unterschiedliche Anzahl von Gegenständen nicht unterscheiden.

Das entdeckte der US-Verhaltensforscher Peter Gordon bei der Beobachtung des Volksstamms der Piraha am brasilianischen Amazonas. In der Sprache dieser fast völlig isoliert lebenden Menschen gibt es lediglich die Zahlwörter "eins", "zwei" und "viele". Der Wissenschaftler von der Columbia-Universität in New York beschreibt seine Studie in der Fachzeitschrift "Science" (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1126/science.1094492).

Bereits Ende der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stellte der Sprachwissenschaftler Benjamin Lee Whorf die Theorie auf, daß die erlernte Sprache einen extrem starken Einfluß auf die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen hat. Seine These: Bestimmte Denkkonzepte sind überhaupt nicht zugänglich, wenn die Sprache dafür keinen Ausdruck kennt. Kritiker vermissen jedoch bislang einen Beweis für eine so starke Prägung. Der könnte Peter Gordon jetzt jedoch gelungen sein.

Der Forscher zeigte den Piraha einige Gegenstände und bat sie, genauso viele Dinge vor sich hinzulegen. Während die Indianer bei bis zu drei Objekten praktisch keine Fehler machten, konnten sie bei mehr als sechs Gegenständen nicht unterscheiden, ob sechs, acht oder zehn Objekte vor ihnen lagen. Die einzige Ausnahme bildete ein Test, bei dem die Gegenstände nicht in einer gleichmäßigen Reihe, sondern mit unterschiedlich großen Abständen voneinander angeordnet waren

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »