Ärzte Zeitung, 27.10.2004

HINTERGRUND

Selbstverletzungen lassen sich häufig an Lokalisation und Anordnung der zugefügten Wunden erkennen

Von Nicola Siegmund-Schultze

Eine junge Frau kommt wiederholt wegen eitriger Wunden an Thorax und Abdomen zum Arzt. Lokale Behandlungen und systemische Antiinfektiva helfen zwar, aber nach einigen Wochen ist die Patientin wieder da - mit neuen Läsionen. Wenn die Suche nach organischen Ursachen ohne Befund bleibt und Verletzungen durch Dritte ausgeschlossen scheinen, sollten Ärzte an selbst zugefügte Schäden denken. Gelegentlich allerdings werden andere Menschen bezichtigt, obwohl autoaggressives Verhalten vorliegt.

Die meisten Betroffenen sind zwischen 14 und 30 Jahre alt

Diagnostik und Weichenstellung für eine Behandlung von Patienten mit selbstverletzendem Verhalten waren ein Schwerpunktthema bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin in Göttingen. Die Prävalenz selbstverletzenden Verhaltens wird auf knapp ein Prozent in der Allgemeinbevölkerung geschätzt, unter den psychisch kranken Patienten sind etwa vier Prozent betroffen.

In dieser Untergruppe wiederum finden sich bei 13 Prozent der Patienten mit Borderline-Symptomatik und 25 bis 40 Prozent der Patienten mit Eßstörungen selbstverletzende Verhaltensweisen. Das Verhältnis von Frauen zu Männern beträgt vier zu eins, die meisten Betroffenen sind 14 bis 30 Jahre alt.

Manchmal stehe die Hoffnung auf finanzielle, berufliche oder andere Vorteile wie Lockerung des Strafvollzugs hinter Selbstverletzungen, berichtete Professor Gerhard Kernbach-Wighton vom Institut für Rechtsmedizin an der Universität Göttingen. Außerdem gebe es Patienten mit Münchhausen-Syndrom, die sich auf der Suche nach Zuwendung, Aufmerksamkeit und Mitleid selbst schädigten.

Intoxikationen, Eigenblutentnahmen und das Zufügen von Wunden seien typische Schädigungsmuster beim Münchhausen-Syndrom. Selbstverletzungen treten aber, wie erwähnt, auch häufig gemeinsam mit seelischen Krankheiten auf, zum Beispiel Phobien, Suchterkrankungen, schizophrenen Psychosen, Autismus oder Borderline-Störungen.

Ein wichtiger Hinweis auf die Ursache für selbstverletzendes Verhalten sei die Unterscheidung, ob Selbstschädigungen versteckt oder offen erfolgten, sagte Kernbach-Wighton. Bei manifesten seelischen Erkrankungen, zum Beispiel schizophrenen Psychosen, würden Selbstverletzungen häufig nicht vor der Umgebung verheimlicht.

Anders beim Vortäuschen von Krankheiten mit dem Ziel, materielle oder andere Vorteile zu bekommen, oder auch bei einer Borderline-ähnlichen Symptomatik von Frauen, so der Forensiker. "Die Frauen verletzen sich aus innerer Not heraus selbst und sind sich dessen auch bewußt. Sie bezichtigen aber aus Scham- und Schuldgefühlen, manchmal auch auf offenen Druck ihrer Umgebung hin, andere Menschen der Gewaltanwendung." Die Polizei veranlasse dann eine Untersuchung durch Rechtsmediziner.

Für Selbstverletzungen werden oft scharfe Gegenstände wie Scherben, Skalpelle und Rasierklingen verwendet, von Männern häufig auch Teppichmesser. Die Schnitte verlaufen vor allem in Längs-, nicht in Querrichtung und finden sich vorwiegend an den Extremitäten, aber auch am Thorax sowie im Gesicht auf Stirn und Wangen. So hatte Kernbach-Wighton zum Beispiel eine 28jährige Frau zu untersuchen, die sich Würgemale und Schnittwunden am Hals selbst zugefügt hatte.

Fließendes Blut wirke auf die Betroffenen entspannend und antidepressiv, so der Forscher. Die bei Selbstverletzungen ausgeschütteten körpereigenen Opiate hemmen einerseits das Schmerzempfinden und rufen andererseits eine angenehme, zum Teil sogar euphorische Stimmung hervor. So läßt sich auch der oft progrediente, suchtartige Verlauf erklären.

Bei starkem Verdacht auf eine Selbstverletzung gelte es, die Patienten nicht massiv mit dem Befund zu konfrontieren, sondern ihnen Rückzugsmöglichkeiten zu lassen, sagte Kernbach-Wighton. "Der Arzt sollte deeskalieren, eine Kriminalisierung vermeiden helfen und die Weichen stellen für eine psychiatrische Behandlung."

Für die Frau, die sich selbst an Thorax und Abdomen immer wieder verletzte, kam jede Hilfe zu spät. Die Selbstverletzungen waren Vorboten eines späteren Suizids. Die Krankenschwester hatte auch bei ihrem Kind wiederholt Abszesse hervorgerufen, um Aufmerksamkeit und Zuwendung von Ärzten zu bekommen. Sie übertrug Fäkalkeime in Schnitte am Thorax des Kindes.

Das Münchhausen-By-Proxy-Syndrom, wie solche Formen der Kindesmißhandlung heißen, sei schwer zu diagnostizieren, so Dr. Benedikt Vennemann vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg, die Dunkelziffer deshalb hoch. In harmloseren Fällen erfänden die Eltern - meist Mütter - Krankheitssymptome der Kinder, es werde aber auch Untersuchungsmaterial manipuliert.

Morbidität und Sterblichkeit sind bei Kindern hoch

Vergiftungen vor allem durch zentralwirksame Medikamente seien bei einem Münchhausen-By-Proxy-Syndrom am häufigsten, gefolgt vom Einbringen anderer körperfremder Substanzen und Ersticken oder Beinahe-Ersticken.

Morbidität und Sterblichkeit bei den betroffenen Kindern seien hoch, zumal die Mißhandlungen meist über längere Zeit, manchmal Jahre, erfolgten. Deshalb solle bei unerklärten, längeren Krankheitssymptomen eines Kindes immer auch an äußere Einwirkung gedacht werden, so Vennemann.

STICHWORT

Münchhausen-By-Proxy-Syndrom

Beim Münchhausen-By-Proxy-Syndrom täuschen Eltern oder Mütter eine Krankheit bei ihrem Kind vor. Das gelingt vor allem bei kleinen Kindern leicht, da der Arzt in seinem weiteren Vorgehen vor allem auf die Angaben der Eltern angewiesen ist. Sie beschreiben die Symptomatik dabei oft so beeindruckend und kompliziert, daß selbst Experten nicht weiter wissen. Das weitere Vorgehen ist sehr schwierig. Meist müssen die Eltern psychiatrisch behandelt werden. Im Extremfall ist selbst das Entfernen des Kindes aus der Familie erforderlich.

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