Ärzte Zeitung, 29.11.2004

Stalking passiert auch in Deutschland häufig

Jeder neunte Mensch hat Erfahrung mit hartnäckigem Nachstellen / Wohlbefinden der Opfer lange beeinträchtigt

BERLIN (gvg). Jeder neunte Mensch in Deutschland und knapp jede fünfte Frau hat schon einmal Erfahrungen mit einem Stalker gesammelt. Das hat eine große repräsentative Befragung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI) ergeben.

Stalking ist ein englisches Wort aus der Jägersprache und heißt übersetzt anschleichen, anpirschen. Von Stalking wird gesprochen, wenn ein Mensch einem anderen über einen längeren Zeitraum bewußt nachstellt und damit psychisch oder sogar physisch belästigt.

"Es handelt sich bei unserer Erhebung um die erste bevölkerungsbezogene Studie zum Stalking in Deutschland", sagte ZI-Mitarbeiter Privatdozent Harald Dreßing auf dem Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin. 2000 Fragebögen wurden an zufällig aus dem Mannheimer Bevölkerungsregister gezogene Menschen verschickt, je tausend an Männer und Frauen. 679 Bögen kamen ausgefüllt zurück.

      Jedes dritte Opfer wird auch körperlich angegriffen.
   

"11,6 Prozent aller Befragten und 17,3 Prozent der befragten Frauen gaben an, daß ihnen schon mindestens einmal im Leben für länger als eine Woche eine Person auf verschiedene Weise so nachgestellt hat, daß damit Angstgefühle verbunden waren", so Dreßing. Bei jedem dritten dauerte die Episode länger als ein Jahr.

Am häufigsten waren Telefonterror, Briefe, E-Mails oder SMS mit unangenehmem Inhalt sowie Auflauern. Bei drei von zehn Stalking-Opfern kam es zu körperlichen Übergriffen. "Besonders erschreckend war, daß jedes vierte Opfer deswegen einen Therapeuten konsultierte und immerhin 15 Prozent deswegen die Wohnung wechselten."

Das subjektive Wohlbefinden von Menschen, die schon einmal Stalking-Opfer waren, ist deutlich geringer als das von Nicht-Opfern. "Sechs von zehn Opfern liegen auf der WHO-5-Skala für psychisches Wohlbefinden in einem Bereich, in dem die Entwicklung von Depressionen wahrscheinlich ist", so ZI-Mitarbeiterin Christine Kühner in Berlin. Bei Nicht-Opfern waren es nur zwei von zehn, ein signifikanter Unterschied.

Da es sich um Querschnittserhebung handele, sei keine Aussage darüber möglich, ob die Stalking-Erfahrungen die direkte Ursache für das geringere Wohlbefinden sind, so Kühner.

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