Ärzte Zeitung, 21.01.2005

BUCHTIP

Viel Wissen zum Hippocampus

Eine sichelförmig gekrümmte Längswulst im Gehirn weckt Assoziationen zum Meer: Hippocampus - "Seepferdchen" - wird sie genannt und manchmal auch "Ammonshorn" - so wie ein kleiner ausgestorbener Tintenfisch. Tatsächlich vermittelt diese entwicklungsgeschichtlich alte Struktur auf engstem Raum alltagsnotwendige Fähigkeiten wie Emotionen, Gedächtnis, Raumorientierung oder kontextbezogenes Denken, ist jedoch gerade wegen seiner Komplexität störanfällig und oft Ursprung epileptischer Anfälle.

Daran litt auch der Patient H. M., dem der Hippocampus deshalb beidseitig chirurgisch entfernt wurde. Dieses bereits im Jahre 1953 vollzogene "offene Experiment" gereichte ihm zwar nicht zum persönlichen Vorteil - er hatte weiterhin Anfälle - , aber seine Geschichte wurde zum Meilenstein der Gedächtnisforschung.

Denn H.M. konnte sich von da an keine neuen Ereignisse mehr merken, eine halbe Stunde nach einer Mahlzeit wußte er schon nicht mehr, ob er gegessen hatte. Er fühle sich stets so, als erwache er gerade aus einem Traum, schilderte der Patient seine Lage.

Den Hippocampus und seine Schlüsselfunktionen stellt der gleichnamige Verlag jetzt in dem Buch "Hippocampus" vor. In dem Werk beleuchten führende Wissenschaftler mit ihren Beiträgen verschiedene Blickwinkel. Zum Beispiel die Sicht der Neuropsychologen: Demnach wird im Hippocampus während der ersten Lebensmonate das "Ich" in seinen typisch menschlichen Erscheinungsformen angelegt und verankert, weitgehend vorbewußt und stark umweltabhängig.

Anschließend läßt es sich nur mit großem Aufwand, der mit zunehmendem Lebensalter noch zunimmt, wieder ändern - ein Umstand, der in krassem Gegensatz steht zur lebenslang anhaltenden Fähigkeit, neues Wissen zu erwerben. Solchen Grundlagen, darunter auch den molekularen Prozessen des Lernens, ist das neue Buch zur einen Hälfte gewidmet, zur anderen den Erkrankungen des Hippocampus, darunter vor allem der Alzheimer-Demenz sowie der Epilepsie. (ars)

Christian G. Lipinski, Dieter F. Braus (Hrsg.): Hippocampus - Klinisch relevante Schlüsselfunktionen, Hippocampus-Verlag, Bad Honnef, 2004, ISBN 3-936817-09-X, 39,90 Euro

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