Ärzte Zeitung, 14.04.2005

Wenn schwarze Zahlen farbig empfunden werden

US-Forscher lokalisieren im Gehirn jenen Ort, der bei Synästheten für eine zusätzliche Empfindung sorgt

LA JOLLA (ple). US-Wissenschaftler haben einen großen Fortschritt in der Erforschung der Synästhesie gemacht. Sie machten den Ort im Gehirn aus, in dem durch gleichzeitige Aktivierung zweier Hirnareale betroffene Menschen Buchstaben auch als Farben erkennen.

Synästhesie bedeutet: gleichzeitiges Empfinden. So gibt es Menschen, die bei Klängen oder bei Wörtern auch visuelle Empfindungen haben. Von dem russischen Schriftsteller Vladimir Nabokov zum Beispiel ist bekannt, daß er Synästhetiker war. Der französische Schriftsteller Arthur Rimbaud wollte glauben machen, daß er Synästhet sei - aber er war es nicht.

    Synästheten erkennen Zweien in einem Meer von Fünfen.
   

Neurowissenschaftler um Dr. Geoffrey M. Boynton aus La Jolla in Kalifornien haben jetzt in einer Studie mit zwölf Personen - sechs von ihnen waren Synästheten - herausgefunden, daß das Areal hV4 im fusiformen Gyrus am Übergang vom Okzipital- in den Temporalbereich maßgeblich daran beteiligt ist, daß Betroffene zum Beispiel bei dem Buchstaben k "grünlich-blau" empfinden oder bei der Zahl fünf "rot" (Neuron 45, 2005, 975).

Es ist jene Region, die auch beim Anblick von Farben aktiviert wird. In ihren Untersuchungen nutzten die Forscher die funktionelle Magnet-Resonanztomographie (fMRT). Im Gehirn von Kontrollpersonen wurde mit der fMRT aufgrund des verstärkten Blutflusses als Parameter für Neuronenaktivität nur jenes Areal sichtbar, das für die Verarbeitung von Zahlen und Buchstaben - wie bei den meisten Menschen - zuständig ist. Bei den Synästheten dagegen "leuchtet" zusätzlich die hV4-Region auf.

Die Synästheten sahen etwa schwarze 2en - als Dreieck in einem Meer von 5en - angeordnet schneller als die Kontrollpersonen, weil ihnen die 2en farbig erschienen. Die Illusion der Farbe war aber nicht so klar wie wenn die Synästheten tatsächlich die Farbe sahen. Mit ihren Versuchen hoffen die US-Forscher, besser Wahrnehmung und Bewußtsein, Kognition und die neuronale Entwicklung des Gehirns zu verstehen.

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