Ärzte Zeitung, 19.05.2005

Visionen als Phosphene durch Migräne gedeutet

Halluzinationen - das sind komplexe Phosphene

TÜBINGEN (ars). Komplexe Phosphene - die eigentlichen Halluzinationen - gehen meist vom Gehirn aus und unterliegen ebenfalls emotionalen sowie kulturellen Einflüssen. Durch einen ungeordneten Abruf von Gedächtnisinhalten sieht man vor seinem geistigen Auge Gegenstände, Tiere, Menschen, ganze Szenen. So können durch elektrische Stimulation der Kortexoberfläche bei neurochirurgischen Eingriffen lebhafte visuelle Eindrücke entstehen.

Die Aura vor epileptischen Anfällen geht ebenfalls auf eine elektrische, vom Gehirn freilich selbst erzeugte Reizung zurück. Weitere mögliche Auslöser komplexer Phosphene sind Kohlendioxid, Kortisol, Nikotin, Amphetamin, Drogen wie Mescalin oder LSD, aber auch Krankheiten wie Schizophrenie.

Visuelle Illusionen werden nicht immer durch ein Zuviel an neuronaler Stimulation hervorgerufen, sondern oft auch durch ein Zuwenig. Jeder kennt die Erfahrung, daß einem schwarz vor den Augen wird oder man Sternchen sieht, wenn man zu lange gekniet hat und dann plötzlich aufsteht.

Ursache ist eine kurzfristige Unterversorgung des Okzipitalhirns mit sauerstoffreichem Blut. Bei Migräneanfällen, die durch abruptes Zusammenziehen von Hirnarterien entstehen, kommt es ebenfalls zu visuellen Erscheinungen. Typisch sind Flimmerskotome, die von einer Seite des Gesichtsfeldes zur anderen ziehen und dabei die Form wechseln. Der Neurologe Oliver Sacks aus New York interpretiert die Visionen der Hildegard von Bingen schlicht als Migräne-Phosphene.

Auch Träume lassen sich als Folge einer Unterversorgung mit aktuellen Informationen verstehen: Während Ruhepausen holt sich das Gehirn daher Erlebnisse des Tages oder der Kindheit aus dem Gedächtnisspeicher. Umgekehrt kommt es bei Schlafentzug schon nach wenigen Tagen ohne REM-Phasen zum Einbruch massiver Halluzinationen. Völliger Reizentzug, etwa längerer Aufenthalt in abgedunkelten, schalldichten Räumen, kann sie sogar schon nach wenigen Stunden erzeugen.

Eine Form der sensorischen Deprivation ist auch die Meditation: Bei geschlossenen Augen und Einengung des Denkens auf ein einziges Wort, das Mantra, treten oft strahlend helle Erscheinungen auf. Ein weiteres Beispiel ist das Charles-Bonnet-Syndrom bei spät Erblindeten: Nach Läsion beider Augen oder Sehnerven, aber intaktem visuellen Kortex "sehen" sie lebendige und oft als angenehm empfundene Bilder.

Unter Trugwahrnehmungen leiden ferner manche Patienten nach einem Schlaganfall. Das gleiche gilt für Schädel-Hirn-Traumen: Jeder Comic-Fan kennt die Sterne, die den Helden umflimmern, wenn er einen Schlag auf den Kopf gekriegt hat.

Nah-Todes-Erlebnisse gehören ebenfalls zu den Halluzinationen: Reanimierte Personen berichten übereinstimmend, ein intensives weißes Licht und dann vergessen geglaubte Szenen aus dem eigenen Leben gesehen zu haben. Erklärt werden die Visionen mit der Freisetzung körpereigener Halluzinogene unter Beteiligung des temporo-limbischen Systems.

Als Katastrophenreaktion werden mengenweise Transmitter ausgeschüttet. Wahrscheinlich läßt im Vorgang des Sterbens die Kontrolle durch das Frontalhirn rapide nach, wodurch sonst gehemmte Erinnerungen ungebremst hervorquellen.

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