Ärzte Zeitung, 27.06.2005

IM GESPRÄCH

Neurotheologen suchen im Gehirn nach Gott

Von Ilka Lehnen-Beyel

Kann Religiosität ausschließlich auf neuronale Vorgänge zurückgeführt werden? Foto: ddp

Kann der Glaube an Gott auf neuronale Vorgänge im Gehirn zurückgeführt werden? Wie sieht die Biochemie religiöser Visionen aus? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich ein noch recht neuer, interdisziplinärer Wissenschaftszweig: die Neurotheologie.

Wenn alles, was den Menschen bewegt, seine Grundlage in den biochemischen Vorgängen des Gehirns hat, so der Ansatzpunkt der Forscher, müßten auch religiöse Gefühle und Vorstellungen dort entstehen oder ihre Spuren hinterlassen.

Hinweise auf einen solchen Zusammenhang geben Beobachtungen und Erfahrungen von Epileptikern, schreibt das Wissenschaftsmagazin "bild der wissenschaft" in seiner Juli-Ausgabe. Bestimmte Formen der Epilepsie werden ungewöhnlich häufig von extremer Religiosität begleitet.

In solchen Fällen sind die Veränderungen während der Anfälle meist auf den linken Schläfenlappen begrenzt und äußern sich nur selten in Krämpfen oder Bewußtlosigkeit. Die Betroffenen haben vielmehr das Gefühl einer göttlichen Gegenwart, verfallen in Verzweiflung oder auch in Ekstase.

Manche Epileptiker sehen Lichterscheinungen

Auch sensorische Störungen wie Lichteindrücke und akustische Wahrnehmungen während der Anfälle sind typisch - Phänomene, wie sie auch viele Religionsstifter oder stark religiöse Persönlichkeiten der Geschichte beschreiben. So hatte der spätere Apostel Paulus zum Beispiel eine Lichterscheinung und hörte die Stimme Jesu, Mohammed ließ sich den Koran von einem Engel diktieren, und Johanna von Orleans handelte auf Befehl einer göttlichen Stimme.

      Forscher sehen "Gott-Modul" im Limbischen System.
   

Eine Schlüsselrolle bei diesen Erscheinungen schreiben Neurologen dem Limbischen System im Schläfenlappen zu, das für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist. Wird es stimuliert - sei es durch Reize von außen oder durch die elektrischen Entladungen während eines epileptischen Anfalls -, spürt der Betroffene eine starke emotionale Erregung.

Interessanterweise sind bei Schläfenlappen-Epileptikern zwar einige, aber nicht grundsätzlich alle Gefühle übersteigert: Die sogenannten Schläfenlappen-Persönlichkeiten reagieren hauptsächlich auf religiöse Wörter und Symbole, sexuelle Bilder dagegen rufen nur sehr gedämpfte Echos hervor. Das deutet nach Ansicht einiger Forscher auf ein "Gott-Modul" im Kopf hin, eine spezielle Gehirnregion für Gotteserfahrungen.

Spirituelle Erlebnisse durch Motorradhelm mit Magnetspulen

Gestützt wird die wichtige Rolle des Schläfenlappens auch durch Experimente des kanadischen Neurowissenschaftlers Michael Persinger: Ihm gelang es sogar, spirituelle Erlebnisse künstlich hervorzurufen - mithilfe eines umgebauten Motorradhelms, in dem acht Magnetspulen schwache, fluktuierende magnetische Felder rund um den Schläfenlappen erzeugen.

Mehr als 1000 Freiwillige haben sich diesen Helm bereits auf den Kopf gesetzt - und mehr als 80 Prozent von ihnen berichteten anschließend von spirituellen Erlebnissen wie dem Hören von Stimmen, einer vibrierenden oder schwebenden Empfindung oder dem Gefühl einer fremden Präsenz. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Probanden Atheisten waren oder an ein höheres Wesen glaubten.

Auch hier komme wahrscheinlich lokale Nervenüberaktivitäten im Limbischen System eine Schlüsselfunktion zu, heißt es in dem Magazin. Schlafentzug, Sauerstoffmangel oder starke Unterzuckerung können ebenso solche Überaktivitäten auslösen. Persinger glaubt sogar, daß viele Berichte von göttlichen Visionen auf Schwankungen des Erdmagnetfelds zurückgeführt werden können, wie sie beispielsweise vor einem Erdbeben auftreten.

Doch auch wenn die Neurotheologen mystische Erlebnisse biologisch beobachten und sogar wissenschaftlich erklären können, bleibt die Bedeutung dieser Befunde eine Frage der Interpretation.

Michael Persinger hält Gott zwar für ein Artefakt des Gehirns, der Stuttgarter Pfarrer Helmut A. Müller dagegen sieht die Neurotheologie in einem größeren Zusammenhang. Nach Gott zu suchen sei schließlich eine Frage, die immer in Bezug auf das aktuelle Weltbild gestellt werde. So sei es alles andere als überraschend, daß im Zeitalter der Hirnforschung Gott im Gehirn gesucht werde. Über die eigentliche Existenz Gottes kann die Neurotheologie jedoch seiner Ansicht nach schon aus methodischen Gründen keine Aussage machen.

Seine Analogie: "Wale fängt man normalerweise mit Harpunen und Heringe mit Netzen. Wenn nun der Walfänger behaupten würde, daß es in den Weltmeeren keine Heringe gibt, weil er ein Leben lang keine Heringe gefangen hat, würde er sein Instrument, seine Methode des Fischfangs, schlicht überschätzen."

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