Ärzte Zeitung, 20.07.2005

HINTERGRUND

Wie erkennt man, daß ein Patient Opfer häuslicher Gewalt ist - und was sollte man dann tun?

Von Philipp Grätzel von Grätz

Schon die Spannbreite der Angaben über ihre Häufigkeit läßt das Tabu erahnen, das die häusliche Gewalt umgibt, in Deutschland und anderswo. "Wir haben keine empirischen Daten über das Ausmaß des Problems", sagt die Berliner Pädagogin und Psychotherapeutin Katharina Larondelle.

Was es gibt sind Schätzungen: Zwischen 100 000 und vier Millionen Menschen sollen allein in Deutschland betroffen sein, überwiegend Frauen und Kinder, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. Die einzige Hausnummer ist die Zahl der Frauen, die wegen erlittener Gewalt in Frauenhäuser flüchten. Es sind etwa 45 000 pro Jahr.

Jedes fünfte Mädchen ist Opfer, schätzt die Polizei

Auch die Häufigkeit sexueller Gewalt in den eigenen vier Wänden kann nur geschätzt werden. "Die Polizei geht davon aus, daß jedes fünfte Mädchen und jeder 13. Junge betroffen sind", so Larondelle. 80 bis 95 Prozent der Täter sind männlich. Ein Drittel der Täter sind ähnlich alt oder nur wenig älter als die Opfer.

    Ärzte sollten vor allem den Kontakt zum Opfer halten.
   

Das Problem ist einerseits, die Opfer von häuslicher Gewalt zu erkennen, denn kaum jemand, der geschlagen oder mißhandelt wurde, berichtet seinem Arzt sofort darüber. Aber auch wenn die Sache klar ist, wissen viele Ärzte nicht, wie sie sich verhalten sollen.

Sind die Betroffenen psychisch so sehr mitgenommen, daß eine akute Gefahr für sie besteht? Was ist dann zu tun? Wie sollte mit den gewalttätigen Familienmitgliedern umgegangen werden, die ja häufig genauso Praxispatienten sind wie das Opfer?

Hilfestellung für Ärzte beim Umgang mit traumatisierten Opfern von häuslicher und anderer Gewalt will die Organisation Catania geben. Auf Fortbildungsveranstaltungen stehen Fachleute wie Katharina Larondelle Rede und Antwort und bemühen sich, den Ärzten mehr Sicherheit bei dieser Thematik zu geben.

"Häusliche Gewalt fängt an mit Drohungen und angstmachenden Blicken", sagte Larondelle auf einer Catania-Veranstaltung in Potsdam. Typisch sei, daß das Opfer vom Täter schuldig gesprochen werde und daß es sich dann auch schuldig fühle.

Es gibt einige typische Auslöser für Gewaltepisoden: "Ungewollte Schwangerschaften, Trennungsabsichten der Partnerin, drohende Arbeitslosigkeit und natürlich übermäßiger Alkoholkonsum gehören dazu", so Larondelle. Auch Konflikte um die Kindererziehung und die Haushaltsführung stehen häufig am Anfang eines Gewaltausbruchs.

"Dran denken" - das ist die wichtigste Diagnoseregel bei häuslicher Gewalt. Die mitunter durch Kleidungsstücke notdürftig abgedeckten Spuren kürzlich erlittener Gewalt fallen in der Regel auf. Schwieriger wird es bei Opfern chronischer Gewalt, die eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln.

Die Befunde reichen hier von unspezifischen Ein- oder Durchschlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialem Rückzug bis hin zu psychosomatischen Beschwerden, die fast alle Organe betreffen können. Auch hinter vielen psychiatrischen Befunden kann sich eine PTBS verbergen. Das eine Kardinalsymptom gibt es nicht.

Experten warnen davor, die Familie in die Praxis einzuladen

Steht erst einmal fest, daß zuhause Gewalt ausgeübt wird, dann ist es wichtig, an dem Thema dran zu bleiben. Genauso müssen Ärzte aber auch ihre Grenzen kennen, denn selbst lösen können sie das Problem in den wenigsten Fällen. Das Vertrauen des Opfers und der Kontakt zu ihm sind dabei das wichtigste Kapital.

Von eigenmächtigen Interventionen im familiären Umwelt rät Larondelle eher ab: "Holen Sie sich nicht die Familien in die Praxis", so die Expertin, denn dann bestehe die Gefahr, daß das Opfer nicht mehr wiederkomme und dem Hausarzt die Möglichkeit zur Einflußnahme aus der Hand genommen werde.

Stattdessen empfiehlt sie die Zusammenarbeit mit Organisationen, die sich diesem Problem verschrieben haben. Die geeigneten Ansprechpartner sind dabei von Region zu Region verschieden. Hierbei dem Arzt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ohne daß dieser selbst lange recherchieren muß, ist eine der Aufgaben, die sich die Catania gestellt hat.

Die Fortbildungsveranstaltungen der Catania sind mit acht CME-Punkten zertifiziert. Sie finden bundesweit statt. Termine können im Internet nachgeschlagen werden unter: www.catania-online.org

STICHWORT

Catania GmbH

Die gemeinnützige Catania GmbH wurde Ende 2004 gegründet. Die Organisation versteht sich als Partner für Ärzte, die in ihrer Praxis mit Gewaltopfern konfrontiert werden. Eine kostenlose Beratung erhalten Allgemeinmediziner, Praktiker und Internisten unter der Hotline 0180 / 202 52 02 (Mo-Fr, 9-18 Uhr). Die Catania finanziert sich größtenteils aus Spenden. Die Berliner Firma CT Arzneimittel hat kürzlich als erster Spender den goldenen Catania-Ehrencent verliehen bekommen. Das Unternehmen spendet einen Cent pro verkaufte Arzneipackung und engagiert sich zusätzlich in den Fortbildungsveranstaltungen der Catania zum Thema häusliche Gewalt. (gvg)

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