Ärzte Zeitung, 12.09.2005

HINTERGRUND

Zeitmangel ist schon bei Medizinstudenten ein großes Problem - aber bei weitem nicht das einzige

Von Marion Lisson

Jeder fünfte Student hat psychische Probleme - Medizinstudenten sind da keine Ausnahme. Und doch unterscheiden sich die seelischen Nöte angehender Ärzte in einigem von den Schwierigkeiten anderer Studenten.

"Das Medizinstudium ist zum Beispiel im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften ein sehr strukturiertes Studium. Das hat Vor- und Nachteile. Besorgniserregend ist, daß bereits die 19- bis 22jährigen Mediziner kaum noch Zeit für ihre persönliche Entwicklung finden", erläutert Professor Rainer Holm-Hadulla, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle (PBS) der Uni Heidelberg. Es seien nicht selten hochmotivierte Medizinstudenten, die in der Beratungsstelle um Hilfe anfragten.

"Unter ihnen sind viele, die in der Schule exzellente Noten hatten und jetzt angesichts der immensen Anforderungen des Studiums keinen freien Moment für einen Spaziergang mit der Freundin oder einen Theaterbesuch finden und darunter verständlicherweise sehr leiden", so der Professor für Psychotherapeutische Medizin.

Typisch für Mediziner sei auch ein anderes Problem. Holm-Hadulla: "Die sattsam bekannten hypochondrischen Störungen werden besonders virulent, wenn keine Zeit zur Reflexion bleibt." Doch den meisten Studenten könne geholfen werden.

Etwa 1500 Studenten, Professoren und Angehörige fragen bei der Beratungsstelle des Studentenwerks im Jahr um Hilfe an, allein 150 von ihnen sind Mediziner. Sie melden sich per Telefon, E-Mail oder persönlich vor Ort. Ihre Anliegen: Prüfungsängste, Arbeitsschwierigkeiten, depressive Verstimmungen oder Partnerschaftsprobleme.

Manchmal helfen schon wenige Gespräche weiter

"Manchmal können wir schon mit wenigen Gesprächen beträchtlich weiterhelfen und Selbstsicherheit und Hoffnung aufbauen", so Holm-Hadulla, der auch eine Privatpraxis in Heidelberg hat. Die sieben Psychologen der Beratungsstelle - alle halbtags tätig - versuchten denn auch, den Studenten etwa Regeln zum selbstbewußten Studieren zu vermitteln oder ihnen Vorschläge für ein effektives Arbeits- und Freizeit-Management anzubieten.

"Wir trainieren auch Prüfungssituationen", so Holm-Hadulla. Den Studenten werde etwa empfohlen, Prüfungen oft und regelmäßig zum Beispiel in Arbeitsgruppen zu üben. Das Durchspielen konkreter Situationen und der Perspektivenwechsel, der durch die professionelle Beratung möglich wird, helfen erfahrungsgemäß weiter.

Holm-Hadulla grundsätzlich: "Wir haben zwei Millionen Studenten in Deutschland. 25 Prozent von ihnen verlassen die Uni ohne Abschluß. Das ist nicht nur eine individuelle Tragödie. Das ist auch eine volkswirtschaftliche Katastrophe." Die Arbeit der Beratungsstellen, die mittlerweile in fast allen Universitätsstädten zu finden sind, sei denn auch in mehrfacher Hinsicht wichtig. Das hätten nicht zuletzt auch die niedergelassenen Hausärzte erkannt, die Patienten oft an die Beratungsstelle verwiesen.

"Viele der Studierenden, die zu uns kommen, möchten manchmal auch nur wissen, welche Art von Therapie sie machen sollen oder welche therapeutische Institution für sie geeignet ist", ergänzt der 54jährige. Im Psycho-Bereich sei es für Patienten tatsächlich nicht immer leicht, sich zurechtzufinden und den richtigen Therapeuten zu finden.

Studenten erhalten in der Regel fünf Beratungen

Nach Angaben von Holm-Hadulla erhalten etwa 500 Studenten in der Beratungsstelle eine differenzierte diagnostische Abklärung und eingehende Beratung. Fünf Beratungen bieten die Heidelberger Mitarbeiter den Studenten dabei meist an. In schwierigeren Fällen sind es auch schon einmal zehn Sitzungen, ausnahmsweise seien auch Kurztherapien möglich.

"Patienten, denen dies nicht ausreicht, vermitteln wir an niedergelassene Therapeuten weiter. Meist sind es Studierende mit ausgeprägten Ängsten, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen", so Holm-Hadulla. 85 Prozent der jungen Leute könne durch die Hilfe der PBS-Berater und der niedergelassenen Therapeuten geholfen werden, weiß Holm-Hadulla, der die Arbeit der Beratungsstelle wissenschaftlich evaluiert hat.

Die Beratung in der PBS ist für die betroffenen Studenten übrigens kostenlos. Das Studentenwerk finanziert die Einrichtung.

Die Beratungsstelle ist telefonisch (06221 543750) oder per E-Mail: pbs@urz.uni-heidelberg.de zu erreichen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Bundestag macht den Weg frei für Cannabis auf Rezept

13:12Ärzte können Hanf als verschreibungspflichtiges Medikament verordnen. Nach jahrelanger Debatte hat das Parlament heute den Umgang mit Cannabis als Medizin völlig neu geregelt. Krankenkassen müssen die Kosten im Regelfall erstatten. mehr »

Kein Schmerzensgeld für die künstliche Ernährung des Vaters

Das Münchener Landgericht hat die Klage gegen einen Hausarzt, der einen Patienten vermeintlich unnötig lange künstlich ernähren ließ, abgewiesen. Gleichwohl attestierte es einen Behandlungsfehler. mehr »

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Dies nährt Befürchtungen, wonach mehr als 20 Jahre nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht. mehr »