Ärzte Zeitung, 10.10.2005

FOLGE 2

Was Philosophen im Reich der Synapsen suchen

Weitreichenden Thesen von Neuroforschern setzen Philosophen die kühle Prüfung von Begriffen entgegen

Hirnforscher verwechseln oft Freiheit mit Zufälligkeit: Eine freie Handlung wird gedacht wie ein Würfelwurf. Entsprechend wäre eine freie Handlung das Produkt eines zufälligen Wollens. Philosophen können zeigen: Das Modell ist falsch. Foto: imago

NEU-ISENBURG (fst). Setzt man einen Philosophen und einen Hirnforscher zum Disput an einen Tisch, so könnte sich das Gesprächsklima schnell abkühlen. Denn zu Ende gedacht machen zentrale Thesen von Hirnforschern die Philosophie schlicht überflüssig.

 

Lesen Sie dazu Folge 1:

 

Die schöne neue Welt der Neurowissenschaftler

Befürworter des Determinismus
  Gegner des Determinismus
  Lesen Sie dazu Folge 3:
  Wie das Wechselspiel von Hirn und Welt zu deuten ist
  Drei Denkansätze in der Hirnforschung

Wenn unser Handeln nicht unserem Willen entspringt, sondern das Gehirn unser Wollen determiniert, dann bleibt kein Platz mehr für das, was Philosophen den "autonomen Raum der Gründe" nennen.

Denn jener Raum, in dem der Mensch abwägend versucht, Urteile und Handlungen in Einklang zu bringen, ist die Basis allen Nachdenkens von Philosophen.

Entsprechend gereizt nannte beispielsweise der Berliner Philosoph Peter Bieri die These, der Mensch habe keine Willensfreiheit, als "ein Stück abenteuerliche Metaphysik".

Was ist genau die Aufgabe der Philosophie, wenn sie - zusammen mit Hirnforschern - die Welt erkundet?

Macht die Hirnforschung als scheinbar neue Leitwissenschaft die Philosophie überflüssig?

Wird die Hirnforschung zur neuen Leitwissenschaft und macht sie Philosophie überflüssig? Das Gegenteil ist der Fall. Philosophen untersuchen die Denkmittel, mit denen Naturwissenschaftler zu ihren Schlußfolgerungen kommen - und finden manche argumentative Lücke.

Von Lutz Wingert

DER AUTOR

Lutz Wingert hat nach Promotion und Habilitation in Philosophie und Assistenztätigkeit in Frankfurt/Main einen Lehrstuhl für praktische Philosophie an der Uni Dortmund inne. Forschungsschwerpunkte sind Ethik und Erkenntnistheorie sowie die Analyse von Möglichkeiten und Grenzen einer naturalistischen Auffassung vom Menschen.

Die Diskussion über die weitreichenden Schlußfolgerungen der Hirnforscher für unser Menschen- und Gesellschaftsbild hat gezeigt, daß die Philosophie wichtiger ist, als ihr institutioneller Status vielleicht nahelegt.

Die Neurowissenschaftler stellen nicht nur detailbezogene, spezifische Thesen auf, also zum Beispiel Thesen darüber, wie Stoffwechselstörungen im Gehirn mit bestimmten bekannten Krankheitsbildern ursächlich zusammenhängen. Ihre "populären" Thesen sind dagegen sehr allgemeine Thesen, die unser Menschenbild zu korrigieren beanspruchen.

Zum Beispiel die These, daß wir determiniert sind, also die Aussage, wir seien in unserem Handeln und Urteilen durchgehend von Faktoren festgelegt, die sich in ihrer Wirksamkeit unserer Kontrolle durch Nachdenken, Prüfen, Kritisieren entziehen.

Mit solchen generellen Aussagen beanspruchen die Neurowissenschaftler, eine sehr grundsätzliche Frage zu beantworten: Wie müssen wir uns in unserer Existenz als denkende, fühlende und handelnde Wesen verstehen, wenn wir all unser Wissen über uns in ein möglichst kohärentes Ganzes an Aussagen zusammenfügen wollen? Kurz, welches Bild von unserer bewußten Existenz müssen wir uns nach bestem Wissen und Gewissen machen?

Die Beantwortung dieser Frage ist seit jeher auch eine Aufgabe der Philosophie gewesen. Seitdem die Philosophie sich von der Theologie und der Kunst emanzipiert hat, arbeitet sie wie die empirischen Wissenschaften mit argumentativen Mitteln und im Bewußtsein der eigenen Fehlbarkeit.

Allerdings geht man in der Philosophie im Blick auf die Frage nach den allgemeinsten Grundzügen der bewußten menschlichen Existenz und also der menschlichen Lebensform nicht so vor wie in der Psychologie, Neurobiologie oder Soziologie.

Die Philosophen führen keine Experimente durch, sie stellen allenfalls Gedankenexperimente an. Sie untersuchen die Denkmittel, mit denen wir in den Einzelwissenschaften und im Alltag zu unseren Urteilen kommen. Das ist keineswegs überflüssig.

Man kann sich beispielsweise mit den Mitteln der philosophischen Analyse klar machen, daß Handlungen nicht reine Körperbewegungen sind. Handlungen sind ein leibliches Verhalten mit steuernden Gedanken des Handelnden. Zu diesen Gedanken gehören auch Gedanken von der Art wie der - vielleicht sehr flüchtige - Gedanke, daß es jetzt, da ich vor der Tür meines Gastgebers angelangt bin, besser ist, den Klingelknopf zu drücken, als ihn nicht zu drücken.

Das alles muß natürlich nicht sehr ‚bewußt' geschehen. Wenn man einen klaren Begriff von Handlungen hat, dann sieht man, daß in den vielzitierten Libet-Experimenten nicht wirklich Handlungen untersucht wurden, sondern von den Probanden simulierte Handlungen.

Die Libet-Probanden sollten aus freien Stücken Knöpfe drücken. Aber sie hatten keinen Gedanken, daß es jetzt besser ist, den Knopf zu drücken, als ihn nicht zu drücken. Denn es gab gar keine Hinsicht für sie, unter der das zu tun sinnvoller erschien, als es zu unterlassen.

Die Philosophie kann unter anderem dazu beitragen, die Aussagekraft solcher Experimente wie der Libet-Experimente besser abzuschätzen, indem sie Begriffe klärt.

Etwas Ähnliches gilt für Freiheit. Man muß ein klares, kohärentes Verständnis von Freiheit haben, bevor man die Frage einer gut begründeten Antwort näher bringen kann, ob wir frei sind. Hier ist festzustellen, daß Hirnforscher oft Freiheit mit Zufälligkeit verwechseln und die Existenz einer fälschlich so verstandenen Freiheit dann - zu Recht! - bestreiten.

Eine freie Handlung wird danach so gedacht wie ein Würfel, der zufällig auf der Position von sechs ‚Augen' zu liegen kommt. Er hätte aber auch auf der Position von vier ‚Augen' zu liegen kommen können, wenn der Würfelwurf eben anders ausgefallen wäre. Entsprechend wird eine freie Handlung vorgestellt als das Produkt eines zufälligen Wollens. Ich hätte auch anders handeln können, wenn ich nur anders gewollt hätte. Das ist das Würfelwurfmodell der Freiheit.

Dieses Modell ist falsch. Denn in ihm begreift man den freien Willen nach dem Vorbild eines unbewegten Bewegers. Es gibt - so der Gedanke - nichts, was mich in meinem Wollen festlegt, wenn ich in meinem Wollen frei bin. Aber das stimmt schon aus logischen Gründen nicht.

Denn in jedes Wollen geht ein Gutheißen des Gewollten ein. Und jedes Gutheißen schließt eine vorausgesetzte Hinsicht ein, unter der das Gewollte gutgeheißen wird. Deshalb gibt es kein voraussetzungsloses Wollen.

In einer überzeugenderen Auffassung ist man frei in seinem Tun, wenn man auch anders handeln könnte, gesetzt den Fall, man hätte einen Grund dafür, anders zu handeln. Und man ist frei in seinem Wollen, wenn man auch etwas anderes, sogar Gegenteiliges wollen würde, gesetzt den Fall, es gäbe einen Grund dafür, etwas anderes zu wollen. Das ist nicht der Fall bei demjenigen, der beispielsweise unter Waschzwang leidet.

Gesetzt, er hat schon saubere Hände, dann gibt es für ihn einen Grund, etwas anderes zu tun und zu wollen, nämlich es zu unterlassen, die Hände zu waschen. Aber dieser Grund legt ihn nicht in seinem Wollen und Tun fest, obwohl es keine Gegengründe gibt. Sein Wollen und Tun variiert nicht mit verschiedenen Gründen und genau deshalb ist er nicht frei.

Die Philosophen, die sich mit solchen Überlegungen herumschlagen, stehen zwar nicht im Labor. Aber das ist kein Beleg dafür, daß die Philosophie es nur zu spekulativen Meinungen bringen kann. Philosophen sind keine Spekulanten im datenfreien Raum.

Sie müssen "Fakten büffeln" und den Kenntnisstand der empirischen Wissenschaften, so gut es geht, zur Kenntnis nehmen. Das tun sie und haben es immer getan. Wenn sie gut sind, helfen Philosophen, gegebenes Wissen zu vertiefen und indirekt auch neues Wissen zu erzeugen.

Gleichzeitig können sie auf der Ebene der Interpretation von empirischen Ergebnissen bestimmte Zusammenhänge herstellen und Bewertungen vornehmen, die den Spezialisten in den hochgradig arbeitsteiligen empirischen Wissenschaften bisweilen, oft auch bloß aus Zeitmangel, entgehen.

Die Philosophie ist also wichtig, und ihr intellektueller Stellenwert wird auf Grund der Infragestellungen unseres Menschenbildes durch die Biowissenschaften (und die Ökonomie) noch zunehmen.

STICHWORT

Libet-Experiment

Befürworter der Position, der Mensch sei bei Entscheidungen nicht frei, führen häufig die Ergebnisse des Libet-Experiments als Beleg an. Bei der Versuchsanordnung von Benjamin Libet werden Probanden gebeten, sich den Zeitpunkt des Entschlusses zur Beugung eines Fingers zu merken. Sie blicken auf eine Uhr, deren Zeiger in 2,56 Sekunden einen vollständigen Umlauf macht. Gleichzeitig messen Elektroden das Bereitschaftspotential der Gehirnströme.

Im Ergebnis zeigte sich, daß das Bereitschaftspotential der Erfahrung einer bewußten Intention immer 300 bis 500 Millisekunden vorausging. Erst war das Gehirn aktiv, dann wurde ein Wille bekundet. Kritiker halten den Versuch für ungeeignet, um eine Situation mit Relevanz für die Frage der freien Willensentscheidung nachzubilden.

Denn nicht die Entscheidung des Subjekts, sondern das Bewußtwerden der Entscheidung wurde gemessen. Zudem ist die Handlung ethisch und emotional irrelevant. Für Kritiker ist es fahrlässig, vom Ergebnis der einfachen Versuchsanordnung auf komplexe Entscheidungen hochzurechnen. 

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