Ärzte Zeitung, 20.03.2006

Wie häufig sind Hormonstörungen nach Schädel-Trauma?

Patienten sind nach Ausheilen der Schädel-Hirn-Verletzung oft noch beeinträchtigt / Depressionen und Angststörungen sind typische Symptome

GRÜNWALD (sto). Ein Schädel-Hirn-Trauma kann auch Störungen im Hormonhaushalt auslösen. Genaue Angaben zur Prävalenz solcher Störungen gibt es aber noch nicht. Ein Screeningprojekt, das vom Uni-Klinikum Essen koordiniert wird, soll nun Klarheit schaffen.

Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma sind nach der Akutversor-gung und der Rehabilitation oft noch beeinträchtigt. Viele leiden an Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen oder Müdigkeit, sind häufiger depressiv oder haben Angststörungen, so der Essener Endokrinologe Dr. Christian Berg.

Hypophyseninsuffizienz als Ursache vermutet

Seit einigen Jahren wird vermutet, daß hierfür als Folge von Blutungen und Schwellungen des Gehirns bei schweren Kopfverletzungen eine Hypophyseninsuffizienz die Ursache ist. Mehrere Studien der vergangenen Jahre haben nach Bergs Angaben ergeben, daß es nach Schädel-Hirn-Traumen bei annähernd 30 Prozent der Patienten zu endokrinen Fehlfunktionen kommt.

Davon haben wiederum etwa die Hälfte einen Mangel an Wachstumshormon. Häufig ist auch die Gonadotropinbildung gestört oder Konzentrationen von Hormonen wie LH, FSH, GH, TSH und ACTH sind vermindert.

Bei einer Untersuchung in Essen wurden bei 18 von 76 Patienten nach Schädel-Hirn-Trauma so niedrige Werte von Neurohormonen gefunden, daß eine Behandlung nötig war, berichtete Berg bei den Grünwalder Gesprächen, die von Novo Nordisk unterstützt wurden.

In einem bundesweiten Screeningprojekt, an dem fünf endokrinologische Zentren teilnehmen und das Novo Nordisk fördert, wird das Blut von Patienten untersucht, die ein Schädel-Hirn-Trauma oder eine Subarachnoidalblutung erlitten haben. Bei einem nachgewiesenen Wachstumshormon-Mangel wird eine Substitutionstherapie eingeleitet und der Therapie-Erfolg nach sechs und zwölf Monaten bewertet, berichtete Berg.

Bisher wurden etwa 150 Blutproben untersucht, weitere 50 sind in Bearbeitung, berichtete Berg. Zwei Drittel der Patienten hatten durchschnittlich ein Jahr vorher Schädel-Hirn-Traumen erlitten. Die Prävalenz von Neurohormon-Mangel liegt nach den bisher vorliegenden Ergebnissen zwischen 15 und 20 Prozent der Patienten mit Schädel-Hirn-Traumen.

An dem Projekt können sich außer Reha-Zentren, Neuro- und Unfallchirurgien sowie Neurologischen Kliniken auch Haus- und Fachärzte mit Patienten beteiligen, die ein Schädel-Hirn-Trauma oder eine Subarachnoidalblutung erlitten haben.

Informationen gibt es beim Labor für spezielle Biochemie Dr. Berg/Seibring beim Universitätsklinikum Essen, Hufelandstr. 55, 45122 Essen.

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