Ärzte Zeitung, 20.09.2007

Mit EEG-Signalen lassen sich Prothesen lenken - oder auch Waffen

Neurologen warnen vor einem Missbrauch von Hirn-Computer-Schnittstellen

BERLIN (gvg). Mithilfe von abgeleiteten Gehirnströmen können Tetraplegiker bereits in wenigen Minuten Texte an einem Bildschirm verfassen. Bald könnten Menschen auf diese Weise auch Prothesen steuern - oder Waffen, die schon feuern, bevor jemand den Auslöser drückt.

Bei so genannten Hirn-Computer-Schnittstellen (Brain Computer Interfaces) wird die elektrische Aktivität der Nervenzellen mit Computeralgorithmen ausgewertet, um allein mit der Kraft der Gedanken am Bildschirm Texte zu schreiben oder Prothesen zu bewegen.

Die elektrischen Informationen stammen entweder aus einem EEG oder aus Elektroden, die auf oder in der Großhirnrinde platziert werden. In den vergangenen Jahren sind bei der Entwicklung der Hirn-Schnittstellen große Fortschritte erzielt worden: "Vor allem die Trainingsphase wurde stark verkürzt. Heute können Probanden schon innerhalb weniger Minuten Texte verfassen", sagte Professor Gabriel Curio von der Charité Berlin. Früher war dazu oft ein wochenlanges Training nötig.

Das Schreiben mit abgeleiteten Hirnströmen wurde bislang in Studien vor allem Patienten mit amyotropher Lateralsklerose beigebracht. Nun wird die Methode auch bei Trauma-Patienten geprüft, so Curio beim Neurologen-Kongress in Berlin. Es werde aber noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis die Technik für eine breite Anwendung ausgereift sei.

Der Neurologe warnte auch vor dem Missbrauch der Technik. "Gerade die risikofreien, nicht-invasiven Verfahren könnten prinzipiell auch bei Gesunden angewandt werden", sagte Curio. Unproblematisch wären EEG-Systeme, die darauf abzielen, im Straßenverkehr Unfälle zu vermeiden. Ethisch problematisch seien dagegen Anwendungen, mit denen die Reaktionszeit von Soldaten verkürzt wird, indem Gedanken ausgelesen werden, bevor sie das Bewusstsein erreichen.

Ein Soldat könnte somit zwar schneller feuern, er könnte aber die Handlung nicht mehr verhindern, wenn sich plötzlich eine andere Situation ergibt. Wenn noch nicht bewusste Gedanken herangezogen werden, um Handlungen auszulösen, stelle sich auch die Frage nach dem freien Willen und der Verantwortlichkeit für Taten. Es sei daher wichtig, sich auch um die ethischen Aspekte der neuen Technik zu kümmern, so Curio.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »