Ärzte Zeitung, 20.05.2008

Den Ursachen von RLS auf der Spur

Forscher entschlüsseln Risikogene für das Restless-Legs-Syndrom / Bestimmte RLS-Formen werden dominant vererbt

LÜBECK. Seit einigen Jahren sind Forscher auf der Suche nach den genetischen Ursachen des primären Restless-Legs-Syndroms (RLS). Gefunden wurden bislang drei Gene, die offenbar das RLS-Risiko erhöhen. Gendefekte, die ein RLS kausal verursachen, wurden bislang nicht entdeckt. Allerdings haben Forscher Chromosomenregionen eingegrenzt, in denen genau solche RLS-Gene vermutet werden. Lübecker Wissenschaftler entdeckten kürzlich eine weitere Region und hoffen nun, dort den ersten RLS-spezifischen Gendefekt aufzuspüren.

Von Sabine Stürmer

 Den Ursachen von RLS auf der Spur

Analyse von DNA-Sequenzen. Bei manchen RLS-Patienten scheinen defekte Gene die Krankheit auszulösen, bei anderen ist der genetische Einfluss geringer.

Foto: dpa

Die Prävalenz des RLS in der Allgemeinbevölkerung wird auf etwa zehn Prozent geschätzt. Etwa die Hälfte der RLS-Patienten haben eine familiäre Disposition, und bei einem Teil von ihnen liegt offenbar sogar ein autosomal-dominanter Erbgang vor. Forscher suchen daher bei Patienten mit primärem, idiopathischem RLS nach Gendefekten, um Hinweise auf die Pathologie zu erhalten und bessere Therapien zu entwickeln. Allerdings ist die RLS-Genetik sehr komplex, wie die bisherigen Daten zeigen. Bei den Untersuchungen wurden zwei komplett verschiedene Ansätze gewählt: Fall-Kontrollstudien und Familien-basierte Studien.

Erhöhtes RLS-Risiko durch Gene aus der Embryonalentwicklung

Mit Fallkontrollstudie identifizierten Privatdozentin Juliane Winkelmann aus München und Kollegen drei Risikogene für RLS. Die Forscher durchsuchten dabei per DNA-Chip das Genom von 1 500 RLS-Patienten und 2 500 Kontrollpersonen nach 500 000 bekannten DNA-Varianten. Gefunden wurden drei Gene mit den Kürzeln MEIS1, BTBD9 und LBXCOR1. Es handelt sich um Gene, die bisher als Kontrollfaktoren in der embryonalen Entwicklung bekannt sind. Diese Genvarianten führen zwar nicht automatisch zum RLS, können aber zusammen mit anderen Faktoren die Erkrankung begünstigen. Welche Begleitfaktoren zur Erkrankung führen, ist noch unklar. Eine Möglichkeit wären veränderte Hormon-, Nieren- oder auch Eisenwerte. Trägt jemand eines der Risikogene, ist die Wahrscheinlichkeit an RLS zu erkranken, um 50 Prozent erhöht.

Im zweiten Ansatz, den Familien-basierten Studien, wird das Genom von Familien untersucht, in denen über mehrere Generationen gehäuft RLS-Erkrankungen aufgetreten sind. Die Forscher erwarten hier eine monogene Ursache und damit einen einzelnen Gendefekt, der bei fast allen Trägern zur Erkrankung führt.

Familiäre Krankheitsform beginnt schon in der Kindheit

In den vergangenen Jahren wurden fünf verschiedene große Familien mit RLS-Kranken untersucht und in jeder Familie eine andere Chromosomenregion gefunden, in der sich der Gendefekt befinden könnte. Die verschiedenen Abschnitte liegen auf den Chromosomen 12, 14, 9, 2 und 20 und werden mit RLS1 bis RLS5 bezeichnet. Auf der Suche nach den tatsächlichen Gendefekten hatten die Wissenschaftler bislang aber keinen Erfolg.

Dr. Katja Lohmann von der Lübecker Universität und ihre Kollegen untersuchten nun vier Generationen einer norddeutschen Familie. Kieler Neuropädiater hatten die gehäuften RLS-Erkrankungen in dieser Familie erfasst. Von den insgesamt 37 Mitgliedern waren 15 an RLS erkrankt, und von 12 stand DNA zur Verfügung. Der Erbgang dieser Familie erschien autosomal-dominant, und viele Betroffene erkrankten bereits in der Kindheit. Das älteste Erkrankungsalter betrug 30 Jahre.

Die Lübecker Wissenschaftler entdeckten bei allen Erkrankten eine neue Region, die mit der bereits bekannten RLS3-Region überlappt (Neurology, 70, 2008, 686). Da die norddeutsche Familie außer dem frühen Erkrankungsalter einen sehr homogenen Phänotyp aufweist, hoffen Lohmann und Kollegen, im verdächtigen Abschnitt den vermuteten RLS-Gendefekt zu finden. Die entsprechenden Untersuchungen werden in diesem Jahr abgeschlossen. Sollten die Lübecker Erfolg haben, könnte der gefundene Gendefekt wichtige Informationen zur RLS-Pathologie liefern.

Mit diesen Kriterien wird RLS erkannt

Erfüllt sein müssen:

  • Bewegungsdrang und Missempfindungen in Beinen oder Armen wie Kribbeln, Reißen, Krämpfe und Schmerzen.
  • Beschwerden verstärken sich beim Hinsetzen/Hinlegen
  • Besserung durch Bewegung, zumindest solange sie anhält.
  • Verstärkung der Beschwerden abends und nachts.

Zusätzlich können auftreten:

  • Schlafstörungen und Tagesschläfrigkeit
  • Unwillkürliche Bewegung wie periodische Beinbewegungen im Schlaf oder im Wachzustand in Ruhe
  • Klinischer Verlauf: oft initial schwankend, später kontinuierlich oder progredient
  • Positive Familienanamnese

Bei milden Symptomen können eine verbesserte Schlafhygiene, Eisensubstitution und Vermeidung von Exazerbationsfaktoren helfen. Dopaminerge Arzneien sind bei ausgeprägten RLS-Symptomen Mittel der Wahl. Vor einer dopaminergen Therapie sollte ein sekundäres RLS etwa infolge von Diabetes, Nieren- und Schilddrüsenerkrankungen sowie Vitamin- und Eisenmangel ausgeschlossen werden. (stü)

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