Ärzte Zeitung, 23.05.2008

HINTERGRUND

"Was bin ich hässlich" - wenn der kritische Blick auf den Körper zur Dysmorphophobie wird

Von Jan-Malte Ambs

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Erst der überkritische Blick in den Spiegel, dann das Entsetzen: Symptom einer Dysmorphophobie.

Fotos: forca©fotolia.de

Viele Menschen sind unzufrieden mit ihrer äußeren Erscheinung, können ihren Körper nicht so akzeptieren, wie er ist, oder nehmen einzelne Körperteile als hässlich wahr. Diese Unzufriedenheit kann krankhaft sein: Dann spricht man von Dysmorphophobie oder körperdysmorpher Störung. Die Prävalenz dieser psychischen Störung in der Gesamtbevölkerung wird auf 0,7 bis 5 Prozent geschätzt. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen.

Der Begriff Dysmorphophobie wurde bereits vor über 100 Jahren geprägt. Enrico Morselli, ein italienischer Psychiater, beschrieb 1891 als erster Arzt die Erkrankung. 1986 fand die Krankheit als körperdysmorphe Störung Eingang in die US-amerikanische DSM-Klassifikation.

Nach dem DSM-IV ist für Menschen mit Dysmorphophobie kennzeichnend, dass sie sich übermäßig mit einem eingebildeten Mangel oder einer Entstellung der äußeren Erscheinung beschäftigen. Bei einer eventuell vorhandenen leichten körperlichen Anomalie ist die Besorgnis stark übertrieben. Das erzeugt einen klinisch relevanten Leidensdruck oder führt zu Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben.

Dysmorphophobie beginnt meist in der Pubertät

Nach der Auswertung soziodemografischer Daten von 250 Patienten mit körperdysmorpher Störung, die zum Zeitpunkt der Datenerhebung im Mittel 33 Jahre alt waren, beginnt die Erkrankung typischerweise in der Pubertät. "Ein Dysmorphophobie-Patient beschäftigt sich wahnhaft anmutend und beharrlich mit der äußeren Erscheinung von ein bis zwei Körperteilen." So beschreibt Professor Claudia Mehler-Wex von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Ulm einen typischen Patienten mit körperdysmorpher Störung.

 

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Erst der überkritische Blick in den Spiegel, dann das Entsetzen: Symptom einer Dysmorphophobie.

Fotos: forca©fotolia.de

Anfangs drehen sich seine Gedanken meist nur um eine Körperregion, später treten dann weitere hinzu. Haut, Haare, Nase, Augen und Beine sind in dieser Reihenfolge die häufigsten Regionen, die als entstellt wahrgenommen werden. Akne, Muttermale, ein vermeintlich zu dicker Po, eine zu große Nase oder ein angeblich unmännlicher Oberkörper sind nur einige Beispiele für subjektiv wahrgenommene Mängel. "Bei Frauen überwiegt die Sorge um Brust und Beine. Männer dagegen richten ihr Augenmerk insbesondere auf Genitalien, Körperbehaarung und Körpergröße", berichtet Mehler-Wex (InFo Neurologie & Psychiatrie 10, 2008, 49).

Fast alle Betroffenen haben einen starken Beobachtungswahn. Sie sind überzeugt davon, dass andere Menschen sie mit besonderer Aufmerksamkeit betrachten und sie als hässlich empfinden. Angst, aber vor allem Scham quält die Betroffenen. Viele haben ein geringes Selbstbewusstsein. Depressionen sind die häufigste Begleiterkrankung bei Patienten mit Dysmorphophobie.

Hinzu kommen zwei Zwangsstörungen: Kontrollverhalten und Vermeidungsverhalten. Patienten mit Dysmorphophobie vergleichen ständig das eigene Aussehen mit dem von anderen, überprüfen sich in Spiegeln und anderen reflektierenden Oberflächen und suchen nach Rückversicherung und Bestätigung des angenommenen Defekts. Dann wiederum vermeiden sie Spiegel, versuchen den Makel zu kaschieren oder flüchten sich in sozialen Rückzug. Viele Betroffene gehen kaum mehr vor die Haustür, meiden Einkaufszentren, Partys und sogar die Arbeit. 75 Prozent der Betroffenen sind unverheiratet und genau so viele berichten von einer Einschränkung der beruflichen Tätigkeit.

Verhaltenstherapie und SSRI können helfen

Die Dysmorphophobie muss von einer Essstörung abgegrenzt werden. So ist im DSM-IV eine Anorexia nervosa ein Ausschlusskriterium. Bei einer Essstörung wird der Körper insgesamt fehleingeschätzt, dies betrifft besonders Gewicht, Essen, Gesamtfigur und Sexualität. Die meisten Betroffenen sind weiblich. Andere wichtige Differenzialdiagnosen sind Zwangsstörungen, hypochondrische Störungen, soziale Phobie, Paranoia und Schizophrenie.

Bei der Behandlung von Patienten mit Dysmorphophobie steht für Mehler-Wex die Verhaltenstherapie im Vordergrund. Als pharmakologische Unterstützung können im Einzelfall SSRI eingenommen werden. Die Betroffenen streben allerdings meist eine somatische Therapie an. Oft werden Dermatologen, HNO-Ärzte und plastische Chirurgen als erste aufgesucht. Ein kosmetischer Eingriff muss aber äußerst kritisch gesehen werden, da sich die Symptome im Anschluss eher verstärken und die Unzufriedenheit auf ein anderes Körperteil verlagert wird.

STICHWORT

Dysmorphophobie

Patienten mit Dysmorphophobie nehmen sich als hässlich oder entstellt wahr - meist einzelne Körperteile wie Haut, Haare, Augen, Nase oder Beine. Die psychische Störung wird häufig begleitet von Depressionen. Sozialer Rückzug bis hin zur Isolation können die Folge sein. Die Betroffenen streben meist eine somatische Therapie an.

Verhaltenstherapie ist die Behandlungsoption der ersten Wahl, SSRI können begleitend verordnet werden. (eb)

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