Ärzte Zeitung online, 31.12.2008

Ohne Tagebuch geht nichts mehr - Anterograde Amnesie nach Autounfall

NEU-ISENBURG (Smi). René Grube befindet sich nach einem Verwandtenbesuch in Stralsund bereits auf der Rückfahrt, als er bei einem Bremsmanöver ins Schleudern gerät und gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug prallt. Es ist der 12. Dezember 1996, der sein Leben verändert.

Ohne Tagebuch geht nichts mehr - Anterograde Amnesie nach Autounfall

René Grube

Foto: Smith

Im Krankenhaus diagnostizieren die Ärzte ein Schädelhirntrauma mit Einblutung in den Interhemisphärenspalt und subduralem Hämatom. Nach wenigen Wochen wird Grube aus der Klinik entlassen. Im Schreiben an den weiterbehandelnden Arzt ist von einer "Befundnormalisierung" die Rede.

Doch René Grube steht erst am Anfang seines Martyriums. Er kann sich weder merken, wo er gerade ist noch wer ihm vor wenigen Minuten die Hand geschüttelt hat. Die Ärzte nennen das anterograde Amnesie. Der gelernte Koch, der gerade eine Ausbildung in der Versicherungswirtschaft absolviert hatte und eigentlich eine eigene Agentur eröffnen wollte, wird die nächsten fünf Jahre in rund einem Dutzend Kliniken vorstellig, unterzieht sich Rehabilitationsmaßnahmen und verzweifelt zusehends. Hinzu kommen seine wiederkehrenden Kopfschmerzen.

Von seinem Wohnort Salzkotten zieht er zurück zu seinen Eltern nach Stralsund. Im dortigen Berufsförderungswerk schult er um und erhält einen Zeitvertrag bei der Bundesversicherungsanstalt, wo er ein Jahr als Kontenklärer beschäftigt wird. Danach arbeitet er mehrfach als Verkaufsfahrer für Tiefkühlgerichte, einmal anderthalb Jahre, das zweite Mal fast zwei Jahre lang. Inzwischen ist er zu 50 Prozent schwerbehindert.

Sein Glück: Er heiratet, zieht nach Hannover. Immer wieder sagt er sich "Ich schaff‘ das!", und seine Frau hilft ihm, wo sie kann. Sogar bei der Inventur in seiner Firma. Unbezahlt. Trotzdem verliert auch diesen Job. Was ihn nervt: "Dass ich als vollwertiger Mann angesehen werde, es aber nicht bin."

Wenn sein geregelter Alltag gestört wird, kommt er durcheinander. Er führt Tagebuch, nutzt einen PDA für Termine und ein Navigationssystem, um sich unterwegs zurechtzufinden. Dennoch geschehen ihm regelmäßig Missgeschicke: Er kauft zweimal das Gleiche ein, verlegt den Schlüssel oder lässt sich im Keller durch eine Nebensache ablenken, so dass er sich am Ende fragt, was er dort eigentlich will.

Das Autofahren hat der 37-Jährige vor einem halben Jahr aufgegeben, weil er die Verkehrsschilder nicht mehr deuten konnte. Am liebsten würde er weiter arbeiten, aber es gibt keine geeignete Stelle für ihn. 400 Absagen hat er eigenem Bekunden nach erhalten.

Ohne seine Frau wäre er verloren. Er weiß, dass der Alltag mit ihm für sie eine hohe Belastung darstellt. Hektik und laute Geräusche meidet René Grube, er sehnt sich nach Ruhe. "Dass man mir nicht helfen kann, das macht mich traurig."

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[31.12.2008, 08:50:46]
Erich Müller-Höhn  emuehoe@gmx.de
Bin betroffen
Vorliegender Artikel hat mich betroffen gemacht, zeigt er mir doch , wie schnell sich das Leben eines Menschen zum Negativen verändern kann, mahnt er mich aber auch, dankbar über meine neurologische und psychische Gesundheit zu sein.
Ich bewundere die Kraft und die Ausdauer von Rene' Gruber und wünsche ihm für 2009 alles erdenkliche Gute und weiterhin viel Kraft.

Uns allen wünsche ich eine Gesellschaft, die sich weniger an Profit und Leistung orientiert , sondern eher mehr dazu in der Lage ist , Menschen wie Rene' Gruber eine adäquate und sinnvolle Tätigkeit zur Verfügung zu stellen.

(Erich) Rick Müller-Höhn , Gießen zum Beitrag »

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