Ärzte Zeitung online, 24.07.2008

Erfolgreiche Gruppentherapie gegen Kaufsucht

Erlangen (dpa). Menschen mit extremer Kaufsucht hat die Uniklinik Erlangen jetzt mit einer speziellen Gruppentherapie erfolgreich behandelt. Von den 60 Teilnehmern einer Studie habe etwa die Hälfte ihr exzessives Kaufverhalten in den Griff bekommen, sagte die Studienleiterin Astrid Müller.

Während der ambulanten Therapie konnten sich die Teilnehmer in zwölf wöchentlichen Sitzungen über ihre Erfahrungen austauschen und zusammen mit den Therapeuten ihr Kaufverhalten analysieren. "Wir haben uns die Kaufattacken wie unter dem Mikroskop angeschaut", erklärte Müller.

Bei dem sogenannten pathologischen Kaufen handelt es sich um ein triebhaftes Verhalten, bei dem die Betroffenen wiederholt, unnötig und zu viel einkauften. Dabei geht es weniger um die gekauften Gegenstände, sondern um den Akt des Kaufens an sich. "Es ist ein gewisser Kick. Das ist für eine Frau fast wie ein Orgasmus", erläuterte Sieglinde Zimmer-Fiene aus Hannover, die seit 1984 kaufsüchtig ist und eine Selbsthilfegruppe in Norddeutschland leitet. Nach dem Kaufen stelle sich aber schnell ein schlechtes Gewissen und ein großes Schamgefühl ein.

Mit individuell erarbeiteten Strategien und alternativen Verhaltensweisen wie Lesen oder Freunde treffen könnten das exzessive Kaufverhalten weitgehend vermieden werden. "Die Gedanken an das Kaufen sind aber generell nicht abstellbar", sagt die Leiterin der Studie. Deshalb sei es auch nicht möglich, die Patienten von ihrer krankhaften Kauflust zu heilen, sondern nur ihren Konsum wieder am eigentlichen Bedarf zu orientieren. Wichtig sei hierbei, Kaufprotokolle anzulegen und sich immer wieder selbst zu kontrollieren. Oft müssten die Betroffenen erst lernen, wie man mit Geld überhaupt umgeht.

"Für mich war Geld überhaupt kein Begriff, sondern immer nur ein wertloses Blatt Papier", berichtete ein 57 Jahre alter Nürnberger. Er ist einer der 9 Männer und 51 Frauen, die an der etwa vier Jahre dauernden Studie der Uniklinik Erlangen teilgenommen haben. Innerhalb von 30 Jahren hat er rund 2500 Bände Fachliteratur, mehr als 70 hochwertige Spiegelreflexkameras und massenhaft Werkzeug gekauft.

"Ich musste sie einfach haben. Ich brauchte das, um mich selbst darzustellen", erklärt der ehemalige Justizangestellte. Durch seinen Kaufrausch ging seine Ehe in die Brüche, bei seinen Freunden und zahlreichen Banken hat er etwa 100 000 Euro Schulden.

"Erst in der Therapie ist mir klar geworden, was das für ein Irrsinn war", sagt er. Jetzt hat er Strategien gefunden, um seinen Kopf von den Kauf-Gedanken zu befreien. "Dann lese ich halt, fotografiere oder fahre Rad, um mich irgendwie abzulenken." Als Grund für seinen Trieb nennt er seinen Drang nach Anerkennung und Selbstdarstellung. "Das hat sicherlich mit einem Minderwertigkeitsgefühl zu tun, das man irgendwie kompensieren muss. Ich hätte genauso gut Alkoholiker werden können", sagt er.

Weitere Infos zur Therapie: www.psychosomatik.uk-erlangen.de

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