Ärzte Zeitung online, 25.08.2008

Querschnittsgelähmter Polizist schafft es in den Job zurück

WÜRZBURG/STUTTGART (dpa). Die Hände des Polizisten Uwe Herold liegen zusammengefaltet in seinem Schoß. Nur seine linke Hand kann der 36- Jährige unter großer Anstrengung zur Begrüßung heben. Der Rest seines Körpers bleibt halsabwärts regungslos. Der dreifache Familienvater ist ab dem Hals abwärts querschnittsgelähmt. Doch Herold lächelte, als er jetzt seinen neuen Arbeitsplatz vorstellte.

Querschnittsgelähmter Polizist schafft es in den Job zurück.

Foto: dpa

Vom 1. September an wird er bei der Kripo in Würzburg als Kriminalhauptmeister tätig sein. "Mir war es wichtig, wieder zu arbeiten", erzählt er, bevor ihm einer seiner beiden Söhne eine Plastikflasche zum Trinken an den Mund hält.

"Als wir uns das erste Mal nach seinem Unfall gesehen haben, konnte er keinen Finger heben", sagt Unterfrankens Polizeipräsident Helmut Koch über seinen willensstarken Mitarbeiter. Nach mehr als drei Jahren Unterbrechung wird Herold seine Kollegen wieder bei der Verbrecherjagd unterstützen. Im Juni 2005 war der damalige Polizeihauptmeister bei einer Übung mit der Diensthundestaffel verunglückt. Als er auf einen Baum kletterte, brach ein Ast. Herold stürzte in die Tiefe und ist seitdem gelähmt.

"Er kann nicht alleine trinken, nicht alleine essen", erzählt seine Frau Bianca, die seit neun Jahren mit ihm verheiratet ist. Seit dem Unfall ist Herold auf die 35-Jährige und die gemeinsamen Kinder Manuel (16), Sven (15) und Tochter Santana (7) angewiesen. In seinem Job werden ihm künftig die Kollegen unter die Arme greifen, wenn er Durst hat oder in ein Brötchen beißen möchte. Bei der Erfassung von Straftäter-Daten steht ihm ein sprachgesteuerter Computer zur Seite. "Hiermit kann ich die Tür öffnen und die Jalousien hoch und runter bewegen", erklärt der 36-Jährige weitere Funktionen des Systems. Auch das Licht könne so an- und ausgeschaltet werden; telefonieren oder Texte per Sprachsteuerung zu diktieren sei ebenso möglich.

Die Technik funktioniert inzwischen auch mit Dialekten

Diese Technik gibt es nach Worten von Alexander Schloske vom Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung aus Stuttgart seit mehr als zehn Jahren. "Die Systeme sind heute so flexibel, dass sie sogar Dialekte verstehen." Eine Brille auf der Nase des Beamten ersetzt die Computermaus. Sie registriert Bewegungen des Kopfes und setzt diese in Bewegungen des Cursors auf dem Bildschirm um. Weil die Bedienung des Systems sehr anstrengend ist, wird der 36-Jährige zunächst nur an zwei Tagen in der Woche für zwei Stunden hinterm Schreibtisch sitzen.

Etwa 24 000 Euro sind in Herolds Arbeitsplatz investiert worden. "Das ist für das Selbstverständnis der bayerischen Polizei und den Teamgeist ein ganz wichtiges Zeichen", sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Mut, trotz der Behinderung wieder zu arbeiten, machte Herold auch ein Polizist aus Mittelfranken. Bei der Polizeiinspektion Höchstadt ist seit mehr als vier Jahren der querschnittsgelähmte Heinz Koletschka tätig. "Der ist am 21. Oktober 2001 mit seinem Privat-Pkw auf der Autobahn verunglückt", erzählt Koletschkas Chef, Dienststellenleiter Fritz Ottlinger. "Eineinhalb Jahre nach dem Unfall hat er plötzlich den Wunsch geäußert, dass er zu uns zurück will." Unter anderem der Sprach-PC habe dies möglich gemacht.

Die schwerbehinderten Polizisten sind die Ausnahme

"Das sind die beiden einzigen schwerbehinderten Kollegen, die weiter als Vollzugsbeamte arbeiten", sagt der Sprecher des bayerischen Innenministeriums, Holger Plank. Wer im Vollzug tätig ist, muss dafür gesundheitlich geeignet sein. Doch das bayerische Beamtengesetz erlaube Ausnahmen, wenn Kripo-Arbeiten auch im Büro erledigt werden können, sagt Plank. In Bayern sind etwa 40 000 Menschen im Polizeidienst beschäftigt, gut 950 davon Schwerbehinderte, die zumeist Schreibaufgaben erledigen.

Auch in anderen Bundesländern sind Schwerbehinderte bei der Polizei mittlerweile üblich. Von den 40 000 Polizei-Vollzugsbeamten in Nordrhein-Westfalen beispielsweise haben nach Auskunft des Innenministeriums etwa 1000 eine Behinderung von 50 Prozent.

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