Ärzte Zeitung online, 22.10.2008

Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten Psychopharmaka

KÖLN (dpa). Derzeit erhalten einer Studie zufolge rund viermal so viele Kinder und Jugendliche Neuroleptika - also Psychopharmaka - wie im Jahr 2000. "Ärzte müssen darauf achten, dass sie diese Medikamente nicht zu leichtfertig vergeben", warnte Klinikleiter Dr. Gerd Lehmkuhl gestern in Köln.

Neuroleptika werden unter anderen bei Psychosen, Entwicklungsstörungen und Autismus eingesetzt. Nach der bisher unveröffentlichten Studie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln erhielten im Jahr 2000 rund 6800 Kinder und Jugendliche Neuroleptika. Im Jahr 2006 waren es schon 28 100. Die sei ein "bemerkenswerter Anstieg", sagte Lehmkuhl.

Die SWR-Sendung "Report Mainz" hatte am Montag berichtet, Ärzte würden Psychopharmaka zunehmend bei Verhaltensstörungen einsetzen, für die sie nicht zugelassen seien. Lehmkuhl sagte dazu, im Rahmen eines Heilversuchs sei dies zwar erlaubt, die Mediziner müssten Eltern dann aber auf die Zulassungsbeschränkungen hinweisen.

Zudem müssten die Ärzte sich selber sehr kritisch fragen, ob die Medikamente notwendig seien. Oft seien pädagogische oder therapeutische Maßnahmen besser geeignet. In wie vielen Fällen die Neuroleptika zu Unrecht verschrieben würden, sei schwer zu sagen. Aber "die Dunkelziffer ist nicht gering", schätzt der Kinderarzt.

Die Psychopharmaka können bei jungen Menschen zu Gewichtszunahme, Bewegungsstörungen oder apathischem Verhalten führen.

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