Ärzte Zeitung online, 24.02.2009

Streit um Einsparungen bei Therapien für psychisch kranke Kinder

BERLIN (dpa). Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden immer öfter unter psychischen Störungen - doch ausgerechnet um die Zukunft von relativ günstigen Behandlungen ohne Pillen gibt es Streit.

Etwa 50 000 psychisch kranken Kindern in Deutschland drohe wegen Sparmaßnahmen der gesetzlichen Krankenkassen eine schlechtere Therapie, warnte der Vorsitzende des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychosomatik, Dr. Maik Herberhold, am Dienstag in Berlin (wir berichteten). Die Kassen bekannten sich nun im Grundsatz zur Fortsetzung der "wichtigen Arbeit in den Praxen".

Bei dem Streit geht es um die Zukunft von Teams aus Heil- und Sozialpädagogen in vielen Praxen. Seit 14 Jahren haben einzelne Kassen und Kassenverbände deren Arbeit bezahlt. Der Anfang 2009 gestartete Gesundheitsfonds erhöhte den Spardruck für die Kassen. Im Vorfeld kündigten mehrere Krankenkassen entsprechende Verträge. Mehrere Anläufe von Ärzten, Kassen - teils mit Vertretern der Bundesregierung - zur Rettung dieser speziellen Versorgungsmodelle brachten zunächst keinen Durchbruch. Herberhold sagte: "Angesichts der explosionsartigen Zunahme der Fälle ist das absurd."

Hoffnung gibt es nun durch einen Beschluss des Bundeskabinetts aus der vergangenen Woche: Die Kassen müssen diese Leistungen demnach angemessen vergüten. Herberhold forderte eine schnelle Umsetzung. "Die bisherige Blockadehaltung droht ansonsten nachhaltig die sozialpsychiatrische Versorgungsstruktur zu schädigen." In Baden-Württemberg, Brandenburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, in Sachsen und Sachsen-Anhalt stünden die Angebote auf der Kippe. "Das ist Basisarbeit, keine Luxusversorgung", betonte Herberhold.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung zeigt sich bereit, gibt aber auch der Ärzte-Bundesvereinigung Mitverantwortung. "Daran müssen jetzt beide Seiten Hand in Hand arbeiten", sagte Sprecher Florian Lanz der dpa. "Die Krankenkassen stellen insgesamt bis zu drei Milliarden Euro zusätzlich für Arzthonorare zur Verfügung. Da ist es absurd, ihnen vorzuwerfen, sie würden nicht genug Geld geben."

Kinderpsychiater können mithilfe der angestellten Pädagogen statt 150 bis zu 400 gestörte Kinder pro Praxis und Quartal behandelt. Sie trainieren etwa die Konzentration oder den besseren Umgang mit Ängsten und halten Kontakt zu Eltern und Erziehern. 200 000 Minderjährige profitiert davon.

Angst, Anspannung, Aggression - insgesamt sind 12 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen laut offiziellen Zahlen in ihrem Verhalten auffällig. Die Arbeitsgemeinschaft Psychiatrischer Krankenhäuser moniert, nur die Hälfte der Betroffenen bekomme eine angemessene Behandlung. In einzelnen Regionen habe die Zahl in den vergangenen Jahren um 25 Prozent zugenommen, sagte Herberhold.

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