Ärzte Zeitung online, 04.03.2009

Kinder- und Jugendpsychiater warnen vor ambulanter Unterversorgung

HAMBURG (dpa). Kinder und Jugendliche mit psychischen und psychosomatischen Störungen in Deutschland sind nach Angaben von Experten ambulant dramatisch unterversorgt. Für 18 Millionen junge Menschen gebe es bundesweit lediglich 700 Praxen, berichteten Kinder- und Jugendpsychiater am Mittwoch bei ihrer Jahrestagung in der Universität Hamburg.

"Viele Patienten müssen mehrere hundert Kilometer fahren, um den nächsten Kinderpsychiater zu erreichen", sagte der Vorsitzende des Berufsverbandes, Maik Herberhold. Zudem seien Wartezeiten von einem halben Jahr die Regel. Er forderte deshalb eine verstärkte Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Pädagogen.

Bundesweit arbeiteten bereits rund 400 sozialpsychiatrische Praxen eng mit Fachärzten sowie Heil- und Sozialpädagogen zusammen, sagte der Psychiater. Dadurch würden die Mediziner entlastet und deutlich mehr Patienten versorgt. Diese trainieren beispielsweise die Konzentration der kranken Kinder oder den Umgang mit Ängsten. Außerdem halten sie Kontakt zu Eltern und Erziehern.

Grundlage für die enge Zusammenarbeit ist eine 1994 zwischen Ärzten und Krankenkassen geschlossene Vereinbarung, die das kooperative Modell verankert und vergütet. Einige Kassen kündigten jedoch im vergangenen Jahr diese Verträge. Herberhold befürchtet, dass nach dem Auslaufen einer Übergangsregelung Anfang April viele Praxen schließen müssen. Etwa 1000 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel.

Ohne ein flächendeckendes Netz von Kinderpsychiatern würden besonders viele Kinder Gefahr laufen, auch im Erwachsenenalter psychisch krank oder sogar arbeitsunfähig zu sein, erklärte Johannes Hebebrand, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mehr als 50 Prozent der psychischen Störungen entstünden vor dem 14. Lebensjahr.

Um Erkrankungen besser vorbeugen zu können, diskutieren rund 1500 Teilnehmer auf der Jahrestagung der Kinder- und Jugendpsychiater vier Tage vor allem über die Früherkennung und Prävention psychosomatischer Störungen.

[05.03.2009, 18:28:15]
Dr. Maik Herberhold 
regionale Unterversorgung ja -aber keine "mehrere Hundert Kilometer" bis zum nächsten KJPP ...
Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank, daß Sie über die sehr problematische Situation in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung erneut berichten. Allerdings muß ich richtig stellen, daß von mir nicht behauptet wurde, daß "viele Patienten mehrere hundert Kilometer fahren [müssen], um den nächsten Kinderpsychiater zu erreichen" - so schlimm ist die Situation glücklicherweise nicht. Allerdings ist die Fortführung der Sozuialpsychiatrievereinbarung natürlich unabdingbar, um eine wohnortnahe Versorgung sicherzustellen - in strukturschwachen Regionen wären ansonsten sicher sehr lange Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen um z.B. eine Klinik zu erreichen und ambulant zu behandelnde Krankheitsbilder könnten dann allenfalls mit extrem langen Wartezeiten stationär behandelt werden ... zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »