Ärzte Zeitung online, 15.04.2009

Hilfsprogramm für Pädophile soll Kinder schützen

KIEL/BERLIN (dpa). Bereits vor vier Jahren hat die Berliner Charité, als erste Klinik weltweit, ein Präventionsprogramm für pädophile Männer ins Leben gerufen. Mehr als 800 Männer aus ganz Deutschland suchten seitdem in der Hauptstadt Hilfe. Nun geht in Kiel der erste regionale Ableger an den Start. Aktuelle Zahlen zeigen, dass dafür Bedarf besteht. Nach Schätzungen der Berliner Experten leben in Deutschland bis zu 220 000 Menschen mit pädophilen Neigungen verschiedenen Ausmaßes.

Ein Mann sitzt in der U-Bahn, als eine attraktive blonde Mutter mit ihrem kleinen Sohn einsteigt. Der Puls des sympathisch wirkenden Mittdreißigers geht schneller, das Herz fängt laut, an zu pochen. Aber es ist nicht etwa die Frau, die den Fahrgast erregt. "Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?", fragt eine Stimme. "Es gibt Hilfe!".

Mit diesem Werbespot versucht nun auch die Kieler Uni-Klinik, Männer mit pädophilen Neigungen auf ihr neues Präventionsprogramm aufmerksam zu machen. "Tätertherapie ist Opferschutz", erklärt Sexualmediziner Professor Hartmut Bosinski, der die anonyme und kostenlose Initiative leitet. "Wir wollen die Männer erreichen, bevor sie sich an Kindern vergehen."

"Pädophile gibt es in allen sozialen Schichten. Das reicht vom Hilfsarbeiter bis zum Politiker", so Bosinski. In der Therapie, die als Einzel- oder Gruppenbehandlung läuft, soll vermittelt werden: "Du bist nicht schuld an Deiner Neigung, aber Du bist verantwortlich, was daraus wird." Heilbar sei die sexuelle Störung, die sich meist schon zur Pubertät bemerkbar mache, nicht. "Ihre Neigung werden sie nicht los, sie können aber lernen, damit umzugehen, damit daraus keine Taten werden." Bosinski betont, dass zu den Taten auch die Nutzung von Kinderpornografie gehöre. "Hinter jedem Kinderporno steckt ein Missbrauch."

Unterschieden wird zwischen "exklusiven" Pädophilen, also Männer, die ausschließlich Kinder begehren und solchen, die sich darüber hinaus auch von altersadäquaten Menschen angezogen fühlen. Bei diesen Patienten werde versucht, den anderen Anteil zu stärken. "Exklusive" Pädophile müssten sich dagegen mit einem asexuellen Leben abfinden. Mit Unterstützung von Medikamenten könne ihr Sexualtrieb aber eingedämmt werden, erklärt der Mediziner.

Im Gegensatz zur Bundeshauptstadt ist die Kieler Initiative bislang schleppend angelaufen. Rund einen Monat nach Projektstart haben sich erst sieben Männer gemeldet. Mit drei von ihnen wurden Gesprächstermine vereinbart. "Leider wissen einfach noch zu wenige Menschen, dass es uns gibt", sagt Bosinski. Dabei sei die Hilfe auch im Norden dringend nötig. "Jeder therapierte Mann ist ein Beitrag zum Schutz der Kinder."

Vorsitzende der Kinderschutzstiftung Hänsel und Gretel hofft auf weitere Projekte

Nach dem Start des Hilfsprogramms für pädophile Männer in Schleswig-Holstein hofft Kinderschutzexpertin Barbara Schäfer-Wiegand auf weitere Initiativen in anderen Bundesländern. "Das Projekt ist eine wirklich gute Chance, um an Täter heranzukommen, die sich sonst im Dunkelfeld bewegen", sagt die Vorsitzende der bundesweit aktiven Kinderschutzstiftung Hänsel und Gretel zur dpa.

Das Projekt an der Kieler Uniklinik konzentriere sich nicht wie die meisten anderen Kampagnen auf Opfer, sondern spreche potenzielle oder bereits aktive Täter direkt an. Der Schutz der Kinder werde erheblich verbessert, zudem werde das Thema enttabuisiert, erklärt die ehemalige baden-württembergische Sozialministerin.

Als erstes Land bundesweit unterstützt Schleswig-Holstein das Projekt mit zunächst 80 000 Euro im Jahr. Vorreiter ist eine Initiative an der Berliner Charité, die 2005 an den Start ging. Seitdem haben sich dort etwa 800 Männer anonym gemeldet. "Ich bin glücklich, dass der Zug jetzt auch über Berlin hinaus ins Rollen gekommen ist", sagte die 74 Jahre alte CDU-Politikerin, die sich für eine Umsetzung des Projekts in Baden-Württemberg einsetzt. Ähnliche Pläne laufen in Niedersachsen, Sachsen und Bayern. "Das Hauptproblem ist, dass es noch zu wenig Ärzte und Psychotherapeuten gibt, die im Bereich Sexualmedizin ausreichend ausgebildet sind."

Die ambulanten Gruppen- oder Einzeltherapien in Berlin und Kiel erstrecken sich über einen Zeitraum von etwa einem Jahr. In Gesprächen und Rollenspielen sollen die Pädophilen lernen, mit ihrer Neigung zu leben, ohne zu Tätern zu werden. Dabei geht es auch um "indirekte sexuelle Übergriffe" wie die Nutzung von Kinderpornografie in Internet.

Die User dieser Seiten hätten kein klares Unrechtsbewusstsein entwickelt, sagt Schäfer-Wiegand. "Sie machen sich nicht klar, dass sie durch ihr Tun den Markt anheizen und dazu beitragen, dass auf der ganzen Welt immer mehr Kinder für solche Videos missbraucht werden." Nach Angaben der Expertin werden mit den Kinderporno-Seiten Milliarden-Umsätze gemacht: "Das ist der größte Markt im Internet."

Umso wichtiger sei die Initiative von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU), den Zugang zu solchen Seiten mit einem Filter sperren zu lassen. Die Stiftung Hänsel und Gretel unterstützt zudem die Entwicklung einer speziellen Vorschaltseite durch die Charité in Berlin. Wenn Nutzer künftig Kinderpornos aufrufen wollen, gelangen sie stattdessen auf eine Seite, die ihnen die Kriminalität und Strafbarkeit ihres Handelns verdeutlicht und auf die Hilfsprojekte in Kiel und Berlin verweist. Schließlich wüssten nur die wenigsten, dass solche anonymen und kostenfreien Angebote existieren, sagte Schäfer-Wiegand.

Stichwort Pädophilie

Die WHO definiert Pädophilie als "Störung der Sexualpräferenz", die durch eine sexuelle Ausrichtung auf vorpubertäre Kinder gekennzeichnet ist. In Deutschland leben Schätzungen der Berliner Charité zufolge bis zu 220 000 Männer mit pädophilen Neigungen. Ihr Anteil an Missbrauchsfällen ist schwer abzuschätzen, da ein großer Anteil der Übergriffe von sogenannten Ersatztätern begannen wird, die eigentlich altersgemäße Partner bevorzugen würden.

Nach derzeitigen Stand der Forschung ist Pädophilie weder heilbar noch sind die Ursachen bekannt. Bei einer Therapie soll ein verantwortungsvoller Umgang damit erzielt werden.

www.kein-taeter-werden.de
Kontakttelefon 04 31 / 5 97 46 00; E-Mail: praevention@sexmed.uni-kiel.de
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel: Sektion für Sexualmedizin, Arnold-Heller-Str. 12, Kiel

www.haensel-gretel.de

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