Ärzte Zeitung online, 08.09.2009

Warnsignale und Abschiedsbrief vor Amoklauf von Winnenden

WINNENDEN (dpa). Tim K. ahnte selbst, dass mit ihm irgendwie etwas nicht stimmte. Im Internet lud er sich sado-masochistische Szenen runter - und recherchierte auch nach psychischen Krankheitsbildern. Doch die Gefahr, die von ihm für sich und andere ausging, wurde unterschätzt. Der Rest ist Geschichte: Am 11. März erschießt der 17-Jährige an seiner früheren Schule und bei seiner Flucht 15 Menschen und danach sich selbst.

Nach einem Gutachten, das der Staatsanwaltschaft Stuttgart vorliegt, hätten die Eltern wohl erkennen müssen, dass ihr Sohn gefährlich werden kann. "Das psychiatrische Gutachten belegt die Mitverantwortung der Eltern", sagte Rechtsanwalt Jens Rabe am Dienstag in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) der Deutschen Presse-Agentur dpa. Laut dem Bericht war der Schüler in dem Jahr vor seinem Amoklauf in einem psychischen Zustand, der seine Eltern hätte warnen müssen. "Der Zugang zu Waffen hätte ihm verwehrt werden müssen", sagte Rabe.

Nach Medienberichten hatte der Amokläufer von Winnenden schon Monate vor der Tat Tötungsfantasien und einen Abschiedsbrief hinterlassen. Der Brief lag danach im Tresor in seinem Jugendzimmer. Darin habe Tim K. geschrieben: "Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemachte hinzukommt." Es sei unklar, ob sich diese Gedanken auf die Tötungsfantasien oder die sexuellen Neigungen beziehen, berichtete "stern.de". Die Anklagebehörde wollte dazu auf dpa-Anfrage keine Stellung nehmen.

Im September oder Oktober soll entschieden werden, ob gegen den Vater des Amokläufers Anklage erhoben oder ein Strafbefehl erlassen wird. Gegen ihn wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, weil Tim K. seine Waffe und Munition benutzt hatte. Die Waffe hatte unverschlossen im Schlafzimmer der Eltern gelegen.

Dem Zeitungsbericht zufolge hatte Tim K. bereits im Frühjahr 2008 einen "Hilferuf" ausgesendet: Weil er spürte, dass etwas mit ihm auf quälende Weise nicht stimmte, recherchierte er im Internet die Symptome psychischer Krankheiten und kam zu der Selbstdiagnose, dass er möglicherweise an einer "bipolaren Störung" leide, also manisch-depressiv sei. Tim K. wandte sich laut "Winnender Zeitung" an seine Mutter: Er wolle sich in Behandlung begeben. So sei er nach Weinsberg in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie gekommen und habe dort mehrere Gespräche mit einer Therapeutin geführt.

Im ersten berichtete er laut Zeitung von heftigen Stimmungsschwankungen; die Befindlichkeits-Umschläge kämen manchmal stündlich über ihn. Er erzählte von seinem Alleinsein, seinen verkümmerten sozialen Kontakten und schlimmen Gedanken: Alles komme ihm dann schlecht vor, er habe einen Hass auf die ganze Menschheit, er sei von der Idee heimgesucht, alle umzubringen. Zur Ablenkung sei er in die Welt von Computerspielen geflüchtet. Die Therapeutin will den Eltern von den aggressiven Gedanken, die in Tim K. spukten, erzählt haben. Die Eltern bestreiten das. Dass er Zugang zu Waffen hatte, sei der Therapeutin nicht bekannt gewesen.

Auf dem Rechner des 17-Jährigen wurden laut Zeitung auch Pornobilder mit sado-masochistischen Szenen gefunden. Die masochistischen Bilder hätten ihn laut Gutachten beherrscht und angezogen - und mit Scham- und Hassgefühlen zurückgelassen.

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