Ärzte Zeitung online, 13.08.2010

Süße Nebenwirkung: Wie Medikamente Diabetes auslösen können

Einige Medikamente - besonders aus Neurologie und Psychiatrie - fördern die Entwicklung von Typ-2-Diabetes. Engmaschige Kontrollen sind nötig, um mögliche Nebenwirkungen der Mittel wie Gewichtszunahme oder Insulinresistenz rasch zu erkennen und gezielt gegensteuern zu können.

Süße Nebenwirkung: Wie Medikamente Diabetes auslösen können

Auch das diabetogene Potenzial von Antidepressiva ist von großer Bedeutung.

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Von Wolfgang Geissel

Patienten mit chronisch psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depressionen haben ein hohes Risiko für Typ-2-Diabetes und metabolisches Syndrom. Besonders Therapien mit Antipsychotika der zweiten Generation wie Olanzapin, Risperidon und Quetiapin bergen zudem das Risiko einer Gewichtszunahme, berichten Dr. Alexander Tschoner und Professor Christoph Ebenbichler von der Universität Innsbruck (Der Diabetologe 2010; 6: 37).

Clozapin und Olanzapin erhöhen Diabetesrisiko

Übergewicht kommt bei Schizophrenie-Kranken zudem zwei- bis dreimal so häufig vor wie in der Allgemeinbevölkerung. Nach Studiendaten steigern die Antipsychotika Clozapin und Olanzapin das Risiko für Typ-2-Diabetes deutlich, während Quetiapin und Risperidon mit einem etwas geringeren Risiko behaftet sind. Für Amisulprid, Ziprasidon und Aripiprazol konnte nach Angaben von Tschoner und Ebenbichler bisher kein erhöhtes Diabetesrisiko nachgewiesen werden.

Auch das diabetogene Potenzial von Antidepressiva ist von großer Bedeutung. So gibt es zum einen Hinweise, dass Depressionen an sich mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden sind. Zum anderen haben Diabetiker im Vergleich zur Normalbevölkerung ein 50 bis 100 Prozent höheres Risiko für eine Depression.

Nach Angaben der Autoren können trizyklische Antidepressiva (TCA) Gewichtszunahme und erhöhte Blutzuckerwerte fördern. Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) seien hingegen mit einer geringeren Gewichtszunahme und möglicherweise einer verbesserten Insulinsensitivität verbunden.

In einer aktuellen Studie war allerdings die Langzeitbehandlung mit TCA oder mit SSRI in mittlerer und hoher Dosierung mit einem 84 Prozent erhöhten Diabetesrisiko assoziiert (Am J Psychiatr 2009; 166: 591). Eine kurzfristige oder niedrig dosierte Antidepressivagabe erhöhte in der Studie hingegen das Diabetesrisiko nicht. Für andere Substanzen wurde ein um 80 Prozent erhöhtes Diabetes-Risiko beobachtet, wobei, bedingt durch zu geringe Fallzahlen, kein Effekt von Dosis oder Therapiedauer ermittelt werden konnte.

"Bei  Diabetes  und Depression zeigte  sich  Fluoxetin als Medikament  der  Wahl  in  der glykämischen Kontrolle", betonen Tschoner und Ebenbichler. Hiermit seien positive Effekte auf die Nüchternglukose, den HbA1c-Wert, die hepatische und periphere Insulinresistenz, den Insulinbedarf sowie das Gewicht belegt worden.

Unterschiedliche Effekte auf Gewicht und Blutzucker werden für Lithium und Antikonvulsiva beschrieben. Mit diesen Medikamenten werden ebenfalls gelegentlich Patienten mit bipolaren Affektstörungen behandelt. Trotz deutlicher Gewichtszunahme unter Lithiumtherapie ließ sich ein diabetogener Effekt des Mittels nicht bestätigen. Unter den Antikonvulsiva ist besonders Valproinsäure mit starker Gewichtszunahme assoziiert. In einer Studie nahmen 20 Prozent der Patienten mit Valproat mehr als 5,5  kg an Gewicht zu. Eine weitere große Medikamentengruppe, die mit Gewichtszunahme und Störungen des Glukosestoffwechsels in Verbindung gebracht wird, sind Betablocker. In einer prospektiven Kohortenstudie mit 12 550 Patienten ohne Diabetes (NEJM 2000; 342: 905) ergab sich dabei folgendes Bild: Weder die Therapie mit Thiazid-Diuretika, ACE-Hemmern und Kalziumantagonisten erhöhten im Vergleich zu Patienten ohne antihypertensive Therapie das Risiko für Typ-2-Diabetes. Bei Patienten, die Betablocker einnahmen, war die Rate von Diabetes-Neuerkrankungen aber im Vergleich um 28 Prozent erhöht.

Bei Betablockern überwiegt positiver Effekt auf Gefäße

"Trotz dieses Risikos wurde für die Behandlung mit Betablockern in sämtlichen klinischen Studien eine Reduktion der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität beobachtet", berichten die Autoren. Insbesondere in der UKPDS-Studie zeigten sich Betablocker bei Typ-2-Diabetikern mit Bluthochdruck als mindestens so effektiv wie ACE-Hemmer in der Prävention aller primärer mikro- und makrovaskulärer Endpunkte. Allerdings können Betablocker bei Diabetikern zu einer verstärkten Insulinresistenz mit verschlechterter glykämischer Kontrolle führen.

Bei einer Therapie mit Medikamenten, die Übergewicht und Insulinresistenz fördern, sollten BMI, Bauchumfang, Nüchternblutzucker und Lipidprofil regelmäßig kontrolliert werden, betonten  Tschoner und Ebenbichler. Ist ein Medikament die Ursache für eine Gewichtszunahme, sollte am besten auf eine  Substanz mit  einem besseren metabolischen Risikoprofil gewechselt werden.

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