Ärzte Zeitung, 05.11.2010

Hintergrund

Chirurgen machen Fortschritte bei komplexen Transplantationen

Immer öfter wagen sich Chirurgen an die Verpflanzung vaskularisierter komplexer Gewebe, etwa Teile des Gesichts oder von Händen. Infektionen und Abstoßungen zu vermeiden ist dabei die größte Herausforderung.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Immer mehr Chirurgen wagen es, Teile des Gesichts und Hände zu verpflanzen

Die Französin Isabelle Dinoire hat als erste eine Teil-Gesichtstransplantation erhalten.

© AFP

Es ist Heiligabend 2006, als ein junger Mann durch die Einkaufsstraßen von Paris läuft. Viele Menschen scheinen nicht glauben zu wollen, was sie sehen, fixieren das von Neurofibromatose stark entstellte Gesicht, drehen sich noch im Weitergehen nach dem Mann um.

Eine ähnliche Szene ein Jahr später: Wieder bahnt sich ein junger Mann am Heiligabend den Weg durch eine dichte Menschenmenge in einer Pariser Einkaufszone. Niemand scheint ihn sonderlich zu beachten.

Es ist dieselbe Person - mit einem anderen Gesicht. Und sie führt heute nach eigenen Angaben ein "unauffälliges Leben": mit Vollzeitjob, der Teilnahme am öffentlichen Leben, normaler Ernährung und Kommunikation.

Professor Laurent Lantieri, plastischer Chirurg an der Universitätsklinik Henri Mondor in Créteil bei Paris, zeigt die Videoaufnahmen beim Internationalen Kongress der Transplantation Society in Vancouver. Es ist sehr still im Raum, als er Bilddokumente von fünf Patienten zeigt, bei denen er große Teile des Gesichts durch die toter Spender ersetzt hat.

Solche Videodokumente vor, nach und während der Transplantation gehören zu einem wissenschaftlichen Kongress, weil sie belegen, welche Gesichtsteile auf welche Weise ersetzt worden sind. Denn inzwischen hat eine Debatte darüber begonnen, welches Chirurgenteam weltweit die umfangreichste Gesichtstransplantation vorgenommen hat.

Spanische Ärzte um Dr. Joan Pere Barret von der Universitätsklinik Vall d'Hebron in Barcelona reklamierten im März 2010 die "erste vollständige Gesichtstransplantation" für sich (BMJ 2010; 340: 944).

Sie hatten einem durch eine Schussverletzung schwer entstellten 31-jährigen Mann das eigene Gesicht durch das eines Spenders ersetzt: vom Haaransatz bis zum Beginn des Halses, von Ohr zu Ohr, inklusive Kiefern und Wangenknochen, bis auf Stirnknochen und Augäpfel. Lantieri möchte nicht die medizinische Leistung der Kollegen herabsetzen.

Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" aber gibt er zu bedenken: "Der in Barcelona operierte Patient kann seine Augenlider nicht schließen, weil die entsprechenden Muskeln und Nerven nicht verbunden wurden. Wir haben im Juni diesen Jahres einem weiteren Patienten mit einem von Neurofibromatose entstellten Gesicht das eines Spenders verpflanzt, inklusive Tränenapparat und Muskeln und Nerven für die Bewegung der Augenlider."

Dem Patienten gehe es den Umständen entsprechend gut. Ob er die Augenlider werde heben und senken können, lasse sich frühestens sechs Monate nach der Op abschätzen; sollte dies möglich werden, wäre es ein deutlicher Zugewinn an Lebensqualität.

Der weltweit erste Patient, bei dem das Team um Lantieri auch die Funktion der Augenlider wiederherstellte, war im Juni 2009 wenige Monate nach Transplantation beider Hände und des Gesichts an Herzstillstand gestorben - vermutlich nach Infektion mit multiresistenten Keimen.

Die Verpflanzung vaskularisierter, komplexer Gewebe entwickelt sich: 50, teilweise bilaterale Handtransplantationen sind dokumentiert (36 Patienten seit 1964), weitere sind geplant; beim Kongress in Vancouver wurde gemahnt, die Verlaufsdaten an entsprechende Register zu melden (www.handregistry.com).

Seit im November 2005 die Französin Isabelle Dinoire an der Universitätsklinik Amiens erstmals ein Gesichtstransplantat von einer hirntoten Spenderin erhielt, hat es weitere Gesichtstransplantationen gegeben.

"Voraussetzung für eine Gesichtstransplantation ist, dass der Patient oder die Patientin schwer entstellt und praktisch ohne Lebensqualität ist, ohne dass sich das angestrebte Op-Ziel mit konventionellen Methoden wie den Lappenplastiken erreichen ließe", so Lantieri.

"Wir müssen die Indikation äußerst eng stellen, denn anders als sonst in der plastischen Chirurgie bedeutet ein Misserfolg, etwa durch Transplantatabstoßung, mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod. Es hat früher Anfragen gegeben für Minderjährige, aber ich halte dies für ethisch nicht vertretbar, weil eine informierte Zustimmung von Minderjährigen aus meiner Sicht nicht einzuholen ist."

Tumoren wie Neurofibromatose und Verbrennungen dürften künftig vermutlich die häufigsten Indikationen sein. Verbesserung der Op-Technik mit kürzeren Ischämiezeiten und die Vermeidung von Infektionen und Abstoßungen seien die größten Herausforderungen, sagte Lantieri: "Uns wurden bislang acht Gesichtstransplantationen genehmigt, jeweils vier mit einem Schwerpunkt auf der oberen oder unteren Gesichtshälfte."

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