Ärzte Zeitung online, 04.01.2011

Mythos Testosteron: Nicht zu viel bringt das Gehirn aus dem Takt, sondern zu wenig

Macht Testosteron aggressiv? Nicht unbedingt. Dennoch ist das Hormon für die Hirnfunktion sehr wichtig - und das nicht nur bei Männern.

Von Thomas Müller

Wenn Jungs in der Pubertät auf halbstark machen oder ein Raser auf der Autobahn mit Fernlicht die linke Spur räumt - dann heißt es oft: zu viel Testosteron im Blut! Kein anderes Hormon genießt einen so zweifelhaften Ruf, und das zu unrecht, berichten Dr. Christian Leiber und seine Mitarbeiter von der Urologie und Psychiatrie des Uniklinikums in Freiburg (Der Urologe 2010; 49:43-64). Sie weisen darauf hin, dass Hormone bei Menschen keine direkte Änderung des Verhaltens hervorrufen, allenfalls die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten erhöhen, wenn ein geeigneter Stimulus vorhanden ist: Man muss den Testosteron-beladenen jungen Mann schon ordentlich ärgern, damit er ausrastet.

Mythos Testosteron: Nicht zu viel bringt das Gehirn aus dem Takt, sondern zu wenig

Wider allen Vorurteilen: Bei aggressiven Männern sind die Testosteronwerte nicht höher als bei friedlichen - zumindest in einer Studie.

© Phototom / fotolia.com

Das Hormon macht aktiver, nicht unbedingt aggressiver

Doch ist überhaupt ein Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggression belegt? Nicht so eindeutig, berichtet Leiber. Bei hypogonadalen Männern führt eine Testosteronsubstitution zwar zu mehr Vitalität - die Männer werden aktiver, haben mehr Energie, aber das ist nicht dasselbe wie Aggression. In Studien waren zudem die Testosteronwerte bei aggressiven Männern nicht höher als bei friedlichen Zeitgenossen, allenfalls verbale Gewalt und Impulsivität scheinen mit erhöhten Testosteronwerten zu korrelieren. Auch Untersuchungen von Strafgefangenen ergaben keinen Zusammenhang zwischen Testosteronwerten und Gewaltdelikten. Selbst Sexualstraftäter haben keine erhöhten Werte, allerdings kann bei ihnen eine Hormon-Suppression Rückfälle vermeiden, und zwar sowohl durch GnRH-Antagonisten als auch durch Orchidektomie.

Testosteron erhöht Libido nur bei Androgenmangel

Doch auch bei der sexuellen Funktion gilt: Ohne Testosteron zwar keine Libido, damit Mann aktiv wird, braucht er jedoch nicht nur das Hormon, sondern auch einen Stimulus. Klar wird dies zudem aus vielen Studien zur Testosteron-Substitution: Libido und sexuelle Funktion werden dabei nur besser, wenn tatsächlich ein Androgenmangel vorliegt, bei normogonadalen Männern bringt zusätzliches Testosteron nicht mehr Lust und auch nicht mehr sexuelle Leistung.

Insgesamt scheint vor allem die Libido vom Testosteronspiegel abzuhängen - so ist die Libidoabnahme oft eines der ersten Symptome bei einem klinisch relevanten Testosteronmangel. Zudem begünstigt das Hormon bei Männern auch sexuelle Fantasien, spontane nächtliche und morgendliche Erektionen, die Ejakulation, sexuelle Aktivitäten mit dem Partner und Orgasmen.

Testosteron ist jedoch nicht nur für die männliche Sexualfunktion entscheidend, das Androgen ist auch wichtig für die sexuelle Aktivität, Zufriedenheit und vor allem die Appetenz bei Frauen. Besteht eine Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD), etwa nach einer Ovarektomie, so lässt sich nach Studiendaten die sexuelle Funktion per Androgen-Substitution deutlich bessern. Für Frauen mit HSDD steht seit 2006 in Europa ein transdermales Testosteron-Pflaster zur Verfügung.

Das Androgen hat jedoch noch weitere wichtige Funktionen im Gehirn: Es sorgt mit für die kleinen Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Denken, Wahrnehmen und Verhalten, indem es die geschlechtsspezifische Hirnentwicklung vom Fetus bis zum Teenager steuert. Die Wirkung zielt vor allem auf Hypothalamus, Hippocampus, limbisches System und die Area präoptica. Als eine Folge haben Männer zwar meist ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen, sind Frauen aber bei sprachlichen Aufgaben unterlegen, weil sie dafür in der Regel nur eine Hirnhälfte aktivieren.

Noch unklar ist die Bedeutung des Androgens bei psychischen Störungen. Zwar haben Depressive im Schnitt keine erniedrigten Testosteronwerte, bei Depressiven mit Testosteronmangel ließ sich jedoch in Studien die Stimmung verbessern - was nicht überrascht, da ja Testosteron Männern mit Androgenmangel wieder mehr Energie gibt.

[16.01.2011, 09:55:58]
Dr. Ralf Hettich 
Testosteronmangel hat viele Namen
Bei vielen Männern, die die 40 überschritten haben, treten Symptome auf, die ähnlich den Frauen in der Menopause sind: Leichte Reizbarkeit, Wetterfühligkeit, Hitzewallungen, depressive Verstimmungen, allgemeiner Verlust der Lebensfreude und ein Nachlassen der Lust auf Sex. Die Männer fühlen sich schlaff, schlafen schlecht ein und haben immer weniger Interesse an einem aktiven Sexualleben.

Für diese Situation sind viele Begriffe gefunden worden. Die einen nennen es die Midlife-Crisis, andere reden von einem der Frauenmedizin entliehenen Klimakterium.

Mediziner haben gar eine ganze Reihe von Fachbegriffen dafür: Am populärsten wurde ADAM (Androgen Decline in the Aging Male), PADAM (Partial Androgen Decline in the Aging Male) Climacterium virile, der alternde Mann und das Aging Male Syndrom). Die Andrologen sprechen einmal von Altershypogonadismus, Late-Onset-Hypogonadism (LOH) und dem TMS (Testosteron Mangel Syndrom).

In der Andropause nimmt der Testosteronspiegel ab

Verantwortlich für die Andropause ist die Abnahme der männlichen Sexualhormone (Androgene) und der Wachstumshormone (DEAH).

Doch anders wie bei den Frauen mit dem Klimakterium verläuft die Andropause bei den Männern viel langsamer. Die Abnahme des Sexualhormons Testosteron sinkt ab dem 40. Lebensjahr jährlich um etwa ein bis zwei Prozent. Liegen die Testosteronspiegel im Blut bei gesunden, jüngeren Männer zwischen 25 und 40 nmol/l kann der Testosteronspiegel bei älteren Männer auf unter 12 nmol/l absinken. Ein 70 jähriger Mann hat durchschnittlich zweidrittel niedrigere Testosteronwerte als ein junger Mann.

Diese Abnahme des Testosterons ist primär die Folge von Veränderungen in den Hoden, einer veränderten Regulation der Testosteron produzierenden Leydig-Zellen sowie der Erhöhung des SHBG-Spiegels (Sexual Hormone Binding Globuline).

Ich wünsche Ihnen ein aktives Sexualleben

Ihr Dr. Ralf Hettich

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