Ärzte Zeitung online, 20.05.2011

Rückenmarkstimulation lässt Gelähmten wieder gehen

Gezielte Stromreize aufs lumbosakrale Rückenmark genügen offenbar, damit ein von der Halswirbelsäule abwärts gelähmter Mann wieder gehen und stehen kann - zumindest für einige Minuten.

Von Thomas Müller

Rückenmarkstimulation lässt Gelähmten wieder gehen

Rob Summers während der Rückenmarkstimulation - festgehalten von einem Mitarbeiter aus Harkemas Team.

© University of Louisville, USA

LOUISVILLE. Zumindest bestimmte Paraplegiker können mit der neuen Methode hoffen, eines Tages durch einen simplen Eingriff wieder etwas selbstständiger zu werden.

Allerdings warnen die beteiligten US-Ärzte vor überzogenen Erwartungen, noch sei diese Technik für Routineeingriff nicht geeignet. Immerhin spricht das Team um Dr. Susan Harkema aus Louisville in Kentucky in einer Pressemitteilung aber von einem "Durchbruch".

Die Ärzte haben für den Eingriff, den sie jetzt in der Zeitschrift "The Lancet" online vorstellen, den damals 23-jährigen Rob Summers ausgewählt. Er war im Jahr 2006 bei einem Verkehrsunfall verunglückt und hatte eine Verletzung im Bereich C7/T1 erlitten.

Summers war unterhalb dieses Bereichs komplett gelähmt, konnte aber noch sensorische Signale empfangen. Zunächst trainierten ihn die Ärzte über zwei Jahre lang passiv auf dem Laufband. Damit bauten sie seine Muskeln soweit wieder auf, dass er genug Kraft in den Beinen hatte, um sein eigenes Gewicht zu tragen.

Anschließend verpflanzten sie ihm epidural einen Stimulator mit 16 Elektroden im Bereich L1/S1. Der Stimulator sollte ähnliche Signale liefern wie das Gehirn, wenn es die Beine zum Stehen und Gehen auffordert. Damit gelang es Summers nach einigen Übungssitzungen tatsächlich, alleine aufrecht zu stehen und mit etwas Unterstützung zur Balance auf einem Laufband knapp fünf Minuten zu gehen.

Was die Ärzte überraschte: Nach einigen Monaten konnte der Mann seine Beinbewegungen während der Stimulation sogar teilweise wieder bewusst kontrollieren. Auch konnte er die Blase wieder selbstständig entleeren.

Die Ärzte haben dafür zwei Hypothesen: Möglicherweise hatten nicht nur einige sensorische sondern auch motorische Fasern die Läsion überlebt, aber ihre Signal waren bisher zu schwach, um die Muskeln supraspinal zu aktivieren.

Durch die Reaktivierung des lumbosakralen neuronalen Netzwerks während der Stimulation konnten die nun erregten Inter- und Motoneurone die schwachen Hirnsignale wieder empfangen und weiterverarbeiten.

Die andere Hypothese klingt noch spannender: Vielleicht haben die Rückenmarksneurone als Folge der Reaktivierung neue Axone entlang der noch vorhandenen Fasern aussprossen lassen.

Ob und wie weit auch Paraplegiker von der Stimulation profitieren, die weder motorische noch sensorische Restfunktionen haben, bleibt abzuwarten. Möglicherweise ist eine, wenn auch nur schwache Verbindung zum Gehirn nötig, um das neuronale Netzwerk unterhalb der Läsion soweit intakt zu halten, dass die epidurale Stimulation erfolgreich sein kann.

Rob Summers jedenfalls ist begeistert: "Wieder auf den eigenen Füßen zu stehen, ist unglaublich. Ich denke, dass mich die Stimulation eines Tages aus dem Rollstuhl führt".

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Berichte, Videos und Tweets rund um den Deutschen Ärztetag

Begleiten Sie den 120. Deutschen Ärztetag in Freiburg mit uns online. Die "Ärzte Zeitung" berichtet vom 23.-26.5. live und aktuell über alle wichtigen Ereignisse und Debatten. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »