Ärzte Zeitung online, 26.07.2011

Immer mehr psychisch Kranke in Kliniken

Psychische Erkrankungen nehmen zu - dieser Befund wurde jetzt erneut untermauert. Schlimmer noch: Einem jüngsten Report der Barmer GEK zufolge steigt auch die Zahl der Klinikeinweisungen. Doch über die richtigen Rezepte wird noch gestritten.

Immer mehr psychisch Kranken in Kliniken

Depressiv am Arbeitsplatz: Die Zahl der Klinikeinweisungen steigt.

© dpa

BERLIN (sun). Immer mehr Menschen werden aufgrund psychischer Störungen in Kliniken behandelt. Das ist das Ergebnis des aktuellen Barmer GEK Krankenhausreports, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Die Kasse spricht von einer Zunahme der Fälle von 129 Prozent. Demnach wurden im Jahr 1990 rund 3,7 von tausend Versicherten stationär aufgrund einer psychischen Erkrankung behandelt, 2010 waren es 8,5.

Noch schneller sei die Zahl der Patienten gestiegen, die speziell wegen Depressionen und anderer affektiver Störungen im Krankenhaus behandelt worden seien.

Schlenker: Muss jeder Fall in die Klinik?

Gleichzeitig sei allerdings die Verweildauer pro Fall von 45 auf 31 Tage gesunken, betonte Barmer GEK-Vize Rolf Schlenker: "Dennoch ist es beachtlich, in welchem Umfang sich deutsche Krankenhäuser mittlerweile um die Versorgung psychisch kranker Menschen kümmern."

Es müsse die Frage gestellt werden, ob tatsächlich jeder Fall ins Krankenhaus gehöre. Nicht immer sei eine vollstationäre Versorgung die beste Lösung. Allein 2010 habe die Barmer GEK 300 Millionen Euro für die stationäre Behandlung von Depressionen ausgegeben.

Rehospitalisierungen auf hohem Niveau

Professor Eva Maria Bitzer vom IGES-Institut und Autorin des Reports sieht hier auch ein Versagen der ambulanten Versorgung. Schließlich sei jeder fünfte Patient nach drei Monaten wieder im Krankenhaus.

"Die hohe Wiederaufnahmequote zeigt auch, dass bei den Depressionen die zentralen Behandlungsziele wie das Nachlassen der Symptome und die Vorbeugung von Rückfällen vielfach nicht erreicht werden", so Bitzer.

Darüber hinaus müssten psychisch kranke Menschen bis zu drei Monate auf ein Erstgespräch bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten warten, räumte Schlenker ein: "Das ist eindeutig zu lang."

Nach Ansicht Schlenkers sollten jedoch nicht die Anzahl der Psychotherapeuten in der Versorgung einfach "aufgestockt" werden. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) fordert hingegen genau das seit längerer Zeit.

Stattdessen müssten "vorhandene Effizienzreserven aktiviert werden". Kurzzeit- und Gruppentherapien seien oft geeigneter. Auf diese Weise ließen sich zudem Wartezeiten verringern.

Krasse Unterschiede bei der Verteilung

Einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion zufolge sind die niedergelassenen Psychotherapeuten bundesweit extrem ungleich verteilt.

Demnach weist Tübingen einen Versorgungsgrad von 577,9 Prozent auf, die Stadt Köthen hingegen 64,3 Prozent.

Die BPtK verweist jedoch seit Langem darauf, dass die Bedarfsplanung der Psychotherapeuten veraltet sei. Die Verhältniszahl von Psychotherapeut je Einwohner seien vor elf Jahren festgelegt worden und beruhten auf den Zulassungen bis zum 31. August 1999. Das entspreche nicht dem tatsächlichen Bedarf.

Aus Sicht der Barmer GEK lässt sich die Frage, ob psychische Erkrankungen tatsächlich zugenommen haben oder lediglich häufiger erkannt werden, nur schwer klären.

In jedem Fall müsse sich die Kodierqualität und Diagnosegenauigkeit verbessern, forderte Schlenker.

Daher sei es "gänzlich inakzeptabel", dass in dem Referentenentwurf des Versorgungsgesetzes eine bundesweite Verpflichtung der ambulanten Kodierrichtlinien für Ärzte wegfallen solle. Dieser Paragraf müsse gestrichen werden, forderte Schlenker.

[27.07.2011, 13:07:07]
Elisabeth Guth 
Das ist kein Wunder...
Um mich den beiden Herren anzuschließen, die Löhne und Arbeitsbedingungen z.B bei Ambulanten Diensten grenzen an Sittenwidrigkeit. Für die Betreuung in der Nacht wird bei einem mir bekannten Dienstleister nur 4,65€, für den Tagesdienst 8,50€ bezahlt. 15 Stunden umfasst die Nachtbereitschaft, die aber einer Nachtwache nahe kommt. Der Tagesdienst ist mit neun Stunden besetzt. An eine Pause ist bei der Betreuung Demenz Erkrankter nicht zu denken, wird aber abgerechnet. Der Lohn reicht nicht aus, die Arbeitnehmer werden zunehmend zu sogenannte Aufstockern. Altersrente ist da nur noch Traum. Psychische Defizite vorprogrammiert.  zum Beitrag »
[27.07.2011, 11:52:02]
Dr. Knut Hollaender 
Versorgung erfolgt durch Psychiater und Nervenärzte
Die Versorgung der psychisch Kranken erfolgt zur 75 % durch Psychiater und Nervenärzte für 25 % der Vergütung. Die restlichen 25 % werden für 75 % der Vergütung von den Psychologen (und einigen ärztlichen Psychotherapeuten) behandelt. Meistens sind diese Pat. auch noch beim Psychiater. Bei einem Regelleistungsvolumen von 45 € pro Quartal bleibt die ambulante Versorgung natürlich auf der Strecke. Aber diesen Skandal interessiert niemanden.
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[27.07.2011, 11:08:51]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
In der Falle bei sozialen Berufen
Interessant, dabei sicher nicht neu, ist für mich die Situation bei den Arbeitnehmern in sozialen Bereichen (Sozialarbeiter, Krankenschwestern und
-pfleger etc.). Da, wo permanent Mittel gekürzt werden, steigt die berufliche Frustration durch Sinnverlust bei der Arbeit und das Wetteifern
um die Befähigung, mit dieser unsäglichen Entwicklung zurechtzukommen.
Wer versucht, menschlichen Regungen und ethischen Grundsätzen zu folgen, wird von entsprechend unfähigen Leitungskadern ausgebremst. Es ist keine
gute Entwicklung in Sicht! zum Beitrag »
[26.07.2011, 18:18:18]
Karl-Georg Vaith 
Dr Anstieg von psychischen Erkrankungen
Solange viele Arbeiter/Angstellte am Arbeitsplatz immer höhere Anforderungen bewerkstelligen müssen, solange sie ausgepreßt werden wie eine Zitrone,solange werden die psychischen Erkrankungen zunehmen.

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