Ärzte Zeitung online, 29.07.2011

Amoklauf in Oslo: Psychologen warnen vor wilden Spekulationen

Deutsche Psychologen halten nach dem Amoklauf in Norwegen nichts von substanzlosen Analysen und setzen auf eine fundierte Aufarbeitung.

BERLIN (eb). Aus Sicht des Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)BDP bergen die tragischen Ereignisse in Oslo und auf der Insel Utöya in ihrer Komplexität eine Reihe psychologischer Aspekte, die einer seriösen Untersuchung bedürfen, so der Verband in einer Pressemitteilung. Der BDP warnt deshalb vor voreiligen Schlüssen und Spekulationen bei der Aufarbeitung des Massakers.

Für bedenklich hält der BDP daher die Versuche der Medien, mittels verschiedenster Experten in diesen Tagen bereits erklärend und analysierend auf die Vorgänge einzugehen.

Wohin das führen könne, habe ereits der am ersten Tag von mehreren Terrorismus-Experten geäußerte falsche Verdacht gezeigt, es handle sich um islamistische Anschläge, so Elisabeth Nöske, Mitglied des Vorstands der Sektion Klinische Psychologie im BDP.

"Zu diesem Zeitpunkt gab es überhaupt noch nichts an Expertenwissen beizutragen, sondern nur viel zu spekulieren. Experten haben in unklaren Nachrichtenlagen nichts verloren, denn ihr Vorzug ist das große Hintergrundwissen, nicht die aktuelle Kenntnis."

Wettlauf um die neuesten Nachrichten statt sachlicher Hintergründe

Sie könnten aktuelle Erkenntnisse einordnen, verfügten aber über keine hellseherischen Fähigkeiten. "Statt sorgfältiger Recherche und Analyse findet in den Medien ein Wettlauf um die ersten Nachrichten zum Täter und seinem Hintergrund statt, der auch medienpsycholgisch bedenklich ist, ebenso wie der riesige Raum, der Bildern des Täters und der Darstellung seiner im Internet veröffentlichten Motive gegeben wird."

Journalisten, so Nöske, reichen in solchen Phasen der Erregung angesichts eines dramatischen Ereignisses die eigene Unsicherheit weiter und suchen hilflos Antworten bei Fachleuten, die diese aber verantwortungsbewusst noch nicht geben können.

Auch beim BDP liefen die Telefone heiß, es wurde nach den Gründen für das Verhalten der Opfer und des Täters gefragt. "Gerade weil das Geschehen aus forensischer und notfallpsychologischer Sicht so komplex ist, wird es für die Analyse einer längeren Zeit bedürfen", erklärt Dr. Ursula Gasch, Diplom-Psychologin und Kriminologin.

Vergleichbare Gründlichkeit in der Analyse und Nachdenklichkeit erwartet der BDP auch von der Politik statt "übereilter und völlig unpassender Forderungen" etwa nach verschärfter Vorratsdatenspeicherung.

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