Ärzte Zeitung online, 06.09.2011

Hintergrund

Jeder dritte Europäer hat ernste psychische Probleme

Etwa 38 Prozent der Europäer hatten im Jahr 2010 eine psychische Störung. Ärztliche Hilfe erhielten nur die wenigsten. Als Gründe dafür werden in einer großen Studie die immer noch geringe Akzeptanz psychisch Kranker sowie eine uneinheitliche Versorgung genannt.

Von Thomas Müller

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Die Autoren der breit angelegten Analyse haben unter Leitung des Dresdner Psychologen Professor Hans-Ulrich Wittchen alle verfügbaren Studien und Registerdaten zur Prävalenz psychischer und auch neurologischer Erkrankungen in 27 EU-Staaten sowie der Schweiz, Island und Norwegen ausgewertet.

 Diese Daten haben sie mit einer ähnlichen Analyse aus dem Jahr 2005 verglichen.

Psychische Störungen sind zur größten gesundheitspolitischen Herausforderung geworden

Insgesamt kommen sie zu dem Fazit, dass psychische Störungen in Europa inzwischen zur größten gesundheitspolitischen Herausforderung geworden sind.

Zum einen, weil die Zahl der Betroffenen bislang offenbar unterschätzt wurde und zum anderen, weil nur die wenigsten von ihnen ärztliche Hilfe erhalten, und dies auch häufig nicht im Einklang mit wissenschaftlichen Leitlinien.

Mehr als 100 Krankheitsbilder berücksichtigt

Für die Analyse haben die Forscher mehr als 100 unterschiedliche psychische und neurologische Krankheitsbilder berücksichtigt. Damit sollte ein möglichst vollständiges Spektrum der Störungen erfasst werden.

Die Studie wurde vom European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) und des European Brain Council (EBC) erstellt und aktuell auf dem ECNP-Kongress in Paris präsentiert. Die wichtigsten Ergebnisse:

Im Jahr 2010 waren rund 38 Prozent aller Einwohner der EU, das sind knapp 165 Millionen Menschen, von einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung betroffen. Im Jahr 2005 wurde die Prävalenz solcher Störungen noch mit 27 Prozent beziffert. Der Unterschied lässt sich jedoch nicht auf einen Anstieg der Prävalenz zurückführen, vielmehr wurden in der neuen Analyse weitaus mehr Krankheitsbilder berücksichtigt als noch fünf Jahre zuvor.

Insgesamt gibt es nach den aktuellen Daten keine Hinweise auf eine Zu- oder Abnahme bei der Häufigkeit psychischer Störungen. Eine Ausnahme bilden als neuropsychiatrische Erkrankungen lediglich Demenzen, hier führt die gestiegene Lebenserwartung zu einer höheren Zahl von Betroffenen.

Therapie für höchstens ein Drittel der Betroffenen

Die Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen hat sich in den vergangenen fünf Jahren nicht verbessert. So erhält bislang höchstens ein Drittel der Betroffenen in der EU in irgendeiner Form professionelle Aufmerksamkeit oder eine Therapie.

Bei psychisch Erkrankten startet die Therapie zudem oft erst Jahre nach dem Krankheitsbeginn und entspricht häufig nicht den minimalen Anforderungen, wie sie in Leitlinien erhoben werden.

Spitzenplatz für Depressionen

Die gesellschaftliche Belastung, gemessen als Zahl der Lebensjahre, die mit gesundheitlichen Einschränkungen verbracht werden, ist bei neuropsychiatrischen Erkrankungen weitaus größer als bei irgendeiner anderen Krankheitsgruppe, also auch größer als bei Herz- oder Tumorerkrankungen.

Am meisten in Krankheit verbrachte Lebensjahre forderten 2010 unipolare Depressionen (4,3 Millionen Lebensjahre), gefolgt von Demenzen (2,2 Millionen), Alkoholerkrankungen (2 Millionen) und Schlaganfall (1,6 Millionen).

Die Depression führt damit nicht nur einen Spitzenplatz bei den psychischen Erkrankungen an, sondern bei allen Krankheiten in Europa. Insgesamt sind psychische Störungen nach dem Ergebnis der Studie die Ursache für mehr als ein Viertel der krankheitsbedingten gesellschaftlichen Belastungen.

Acht von zehn Süchtigen waren Alkoholiker

Von Angsterkrankungen waren im Laufe des Jahres 2010 etwa 14 Prozent der Europäer betroffen, Frauen zweieinhalb Mal so oft wie Männer. Depressionen traten bei knapp 7 Prozent auf, bei Frauen mehr als doppelt so häufig wie bei Männern, dagegen waren 70 Prozent der Suchtkranken Männer.

Insgesamt frönten etwa 3,4 Prozent der Europäer einem Substanz-Abusus. 80 Prozent der Süchtigen waren Alkoholiker. Häufig waren auch Schlafstörungen, vor allem Insomnie (bei 7 Prozent) sowie ADHS (bei etwa 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen) und Demenzen (bei 5,4 Prozent der Menschen über 60 Jahre).

An Psychosen und geistigen Behinderungen waren dagegen nur jeweils etwa ein Prozent in der Bevölkerung erkrankt, an Essstörungen ein halbes Prozent.

Weit mehr als 40 Prozent der Bevölkerung betroffen

Wird auch die Belastung durch neurologische Erkrankungen berücksichtigt, so dürften weit mehr als 40 Prozent der Bevölkerung von einer ZNS-Erkrankung oder -Störung betroffen sein.

Genaue Zahlen waren in der Analyse jedoch nicht möglich, da bei nicht wenigen Patienten neurologische und psychiatrische Erkrankungen überlappen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kommentar: Weckruf an Politik und Gesellschaft

[07.09.2011, 18:55:40]
Dr. Ralf Schrader 
Re: Hans-Heinrich Jörgensen
Das scheint mir das Wesentliche zu sein. Randständige Variationen psychischer Verfasstheit werden pathologisiert. Ramdständiges nimmt im Zuge des Lebensverlängerungsprozesses zu. Wer mit 25 Jahren an der Tuberkulose stirbt, kann mit 30 Jahren keine Depression entwickeln. Je weiter die Medizin vermeidbaren Tod eliminiert, umso stärker kann sich die Variabilität menschlichen Lebens entfalten. Wenn dann hinzukommt, dass immer mehr Krankheitsbilder allein auf Basis gesellschaftlicher Bewertung generiert werden, der vermeintliche Patient erfüllt enger werdende Fremderwartungen nicht oder zu wenig, ergibt sich das gezeichnete Bild.
Variabilität steigt bei sinkender Akzeptanz. Die Lösung besteht in Pathologisierung. Nicht die gesellschaftliche Bewertungsfunktion sei falsch, der Wunsch nach seelenlosen dynamisch teamfähigen Monstern. Nein, die Individuen sind falsch, d.h. krank, welche sie diesem Ideal nicht entsprechen.
In dem gleichen Masse, in dem Betriebswirtschaft versucht, das Gesundheitswesen zu okkupieren, in dem gleichen Masse versucht eine kranke Gesellschaft nicht sich, sondern die teilnehmenden Individuen zu stigmatisieren.
Mehr findet nicht statt, biologisch, psychisch und medizinisch ist alles völlig normal. Bis auf die Bereitschaft von Teilen des Gesundheitswesen, therapeutisch auf diese gesellschaftliche Fehlentwicklung einzusteigen. Das sollten wir vermeiden. zum Beitrag »
[07.09.2011, 16:56:00]
Dr. Patricia Hänel 
Nach den gesellschaftlichen Ursachen fragen
Bei aller berechtigter Kritik an der mangelhaften Versorgung psychisch Kranker sollten jedoch gerade die Vertreter der Medizin nicht vergessen nachzufragen, wie es zu dieser Zunahme an Erkrankungen kommt bzw. warum Menschen bei "normalen Varianten der psychischen Verfassung" Ärzte aufsuchen und nicht mehr arbeiten gehen? Denn auch wenn man dieses als unangemessen empfindet, so ändert es ja nichts an der Tatsache, dass die AU- und EU-Fälle durch psychische Erkrankungen immer weiter steigen. Die Belastungen am Arbeitsplatz werden stärker und komplexer, der emotionale Druck durch Vorgesetzte und Kollegen nimmt zu und die Angst vor Arbeitsplatzverlust und drohendem sozialen Abstieg erhöht den Druck noch weiter. Gleichzeitig sind viele Mechanismen der normalen Psychohygiene gefährdet, wenn soziale und emotionale Erholungsmöglichkeiten seltener oder verlernt werden. Besonders Ärzte erleben doch oft am eigenen Leib, dass die Arbeit viel seltener Freude macht und Kraft spendet, sondern Ursache für Erschöpfung, Resignation und Burnout ist. Wie so oft tritt hier der präventive Ansatz hinter dem kurativen zurück, und die notwenige Verbesserung der Arbeitsbedingungen werden vernachlässigt wird die Verantwortung an die Leidtragenden zurück verwiesen. zum Beitrag »
[06.09.2011, 22:03:10]
Doris Wroblewski 
Beipackzettel
Mich würde interessieren, bei wie vielen Medikamenten Depressionen als mögliche Nebenwirkungen angegeben sind. Ist das bekannt? zum Beitrag »
[06.09.2011, 17:12:29]
Hans-Heinrich Jörgensen 
Therapie macht krank
Die Ursache: zunehmend definieren wir völlig normale Variationen der psychischen Verfassung als "Krankheit". Das verfälscht die Statistik und kostet viel Geld.

Auch stellt sich die Frage, ob denn die Therapie der "Depression" diese wirklich heilt oder gar erst erzeugt, indem sie bei einer Miss-Stimmung durch Transmitter-Re-pick-up-Hemmung die Speicher verarmen lässt.

HHJ zum Beitrag »

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