Ärzte Zeitung, 20.10.2011

Finanz-Krise treibt immer mehr Griechen in den Freitod

Die Schuldenkrise in Griechenland macht den Bürger immer mehr zu schaffen - auch psychisch und mit tödlichen Folgen: Seit Jahresanfang ist die Suizidrate drastisch gestiegen.

Griechenland-Krise treibt Menschen in den Selbstmord

Kopflose Statue vor der Akropolis: Den Griechen macht die Finanz-Krise zu schaffen. Viele haben wegen finanzieller Probleme Suizidgedanken.

© dpa

CAMBRIDGE (hub). In Griechenland haben Wirtschaftskrise und resultierende Sparmaßnahmen einen deutlichen Einfluss auf das Gesundheitswesen: Immer mehr Menschen verzichten auf eine Visite beim Hausarzt oder Zahnarzt, wenn sie krank sind.

Die Gründe sind unter anderen zu große Entfernungen und zu lange Wartezeiten (Lancet online). Demgegenüber gab es 24 Prozent mehr Einweisungen in öffentliche Krankenhäuser, werden Zahlen von 2010 und 2009 verglichen.

Schmiergeldzahlungen, um Warteschlangen zu umgehen

Dabei berichten viele staatliche Kliniken von personeller Unterbesetzung und fehlenden medizinischen Geräten - auch eine Folge der 40-prozentigen Kürzungen bei den Krankenhausbudgets.

Patienten versuchten daher mit Schmiergeldzahlungen die Warteschlangen in überlasteten Kliniken zu umgehen, berichten Alexander Kentikelenis von der Uni in Cambridge und seine Kollegen.

Im Gegensatz zu den öffentlichen Kliniken hat es in den privaten Einrichtungen von 2009 auf 2010 eine Abnahme der Aufnahmen um 25 bis 30 Prozent gegeben, schreiben die Forscher aus Großbritannien.

Suizidrate 40 Prozent höher

Besonders deutlich seien die Auswirkungen der Krise bei den Suiziden abzulesen. Von 2007 bis 2009 stieg die Suizidrate um 17 Prozent, nicht offizielle Zahlen nennen einen weiteren Anstieg in 2010 um 25 Prozent im Vergleich zu 2009.

Das Gesundheitsministerium habe berichtet, im ersten Halbjahr 2011 habe es 40 Prozent mehr Selbsttötungen gegeben als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, so die Autoren.

Jeder vierte Anrufer bei der Telefonseelsorge mit Suizidgedanken habe finanzielle Probleme als Motivation angegeben. Kredite nicht zurückzahlen zu können sei Medienberichten zufolge der Hauptfaktor bei der Zunahme der Selbsttötungen, so die Autoren.

Auch Gewalt nimmt zu

Weitere Auswirkungen der Krise seien die Zunahme an Gewalt, Diebstählen und Einbrüchen sowie steigende Mordzahlen. Die Zahl dieser Delikte habe sich von 2007 bis 2009 verdoppelt.

Um 40 Prozent abgenommen hat im gleichen Zeitraum die Zahl der Personen, die berechtigt sind, Krankengeld zu beziehen. Aktuelle Daten lassen zudem darauf schließen, dass die Zahl der HIV-Neuinfektionen dieses Jahr 50 Prozent höher liegt als 2010.

Kentikelenis und Kollegen betrachten die Entwicklung in Griechenland mit großer Sorge. Die Wirtschaftskrise dürfe nicht dazu führen, die ultimative Quelle des Wohlstandes Griechenlands zu unterminieren, nämlich die Gesundheit seiner Bevölkerung.

[22.10.2011, 23:53:50]
Uwe Schneider 
Vorausgesetzt die Statistik stimmt ...
Da konnte man Griechenland ja nicht immer trauen. Die bitterbösen Anmerkungen jetzt aber mal beiseite: Plausibel ist der Befund schon. Man muss aufpassen, dass sich Griechenland nicht wortwörtlich zu Tode spart, auch wenn am Sparen sicher kein Weg vorbeiführt. Ein Schuldenschnitt unter Beteiligung der Anleger bzw. Käufer von (oft gut verzinsten) griechischen Staatsanleihen, meist Banken, wie nun angedacht, ist da wohl ein ganz guter Weg. zum Beitrag »

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