Ärzte Zeitung online, 22.12.2011

Viele Obdachlose mit psychischen Krankheiten

BERLIN (dpa). Burnout, Depressionen und Angststörungen sind allgemein auf dem Vormarsch. Obdachlose sind nach Studien sogar fünfmal so häufig psychisch krank wie andere Menschen.

"Etwa 60 Prozent unserer Patienten sind alkoholkrank. Auch die Zahl anderer psychischer Erkrankungen hat bei uns deutlich zugenommen", berichtete die Berliner Obdachlosenärztin Dr. Jenny de la Torre (57) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Finanziert durch ihre eigene Stiftung, leitet die Medizinerin ein Gesundheitszentrum für Obdachlose in Berlin. Das 2006 eröffnete Zentrum hat mehr als 3000 Patienten in der Kartei, 80 Prozent kommen ohne Krankenversicherung hierher, sie leben komplett auf der Straße.

Für ihre Arbeit wurde de la Torre jüngst mit dem Springer Medizin CharityAward ausgezeichnet.

Schlechte Erfahrung mit der Psychiatrie

"Es ist ganz schwierig, psychisch kranken Obdachlosen zu helfen", sagte die Ärztin. "Man muss viel Geduld haben, darf sie nicht unter Druck setzen und muss peu à peu ihre Mitarbeit gewinnen. Das ist eine echte Sisyphus-Arbeit."

Viele Patienten hätten bereits schlechte Erfahrungen in der Psychiatrie gemacht und wollten damit nichts mehr zu tun haben.

Dauerhaft helfe nur, die Menschen wieder in das soziale System zu integrieren, betonte de la Torre. "Solange sie keine Sozialhilfe beziehen und nicht versichert sind, ist eine Langzeit-Therapie kaum möglich."

Typisch für seelische Leiden ist, dass die Betroffenen ihre Krankheit sich selbst nicht eingestehen. Das trifft auch auf Obdachlose zu.

"Wenn dann schon einer zur Therapie bereit ist, kommt erschwerend hinzu, dass es für Termine bei Psychologen und Psychotherapeuten oft lange Wartezeiten gibt", sagte die Ärztin.

Ein Teufelskreislauf

Landen Menschen infolge ihrer psychischen Krankheiten auf der Straße oder macht das harte Leben draußen erst seelisch krank? Diese Frage sei nicht zu beantworten, sagte de la Torre.

"Es ist ein Teufelskreis: Es kann mit einer familiären Katastrophe anfangen. Die depressiven Verstimmungen bekämpfen die Menschen dann mit Alkohol."

Zur Zeit kommen die Patienten vor allem mit Infekten, Angina, Bronchitis, Schleppe, Krätze oder Läusen ins Berliner Gesundheitszentrum. "Im Winter ist die Ansteckungsgefahr größer", sagte de la Torre.

In vielen Städten engagieren sich Mediziner ehrenamtlich für Obdachlose mit dem Ziel, sie von der Straße zu holen.

Trotz aller Schwierigkeiten sieht die Ärztin auch Erfolge: "Vor etwa 20 Jahren gab es in Deutschland eine Million Obdachlose, jetzt haben wir etwa eine Viertelmillion. Das ist immer noch zu viel, aber es zeigt, man kann etwas tun."

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