Ärzte Zeitung, 16.07.2012

Zusätzliche Abendsprechstunden für psychisch Kranke

Die AOK Baden-Württemberg und Bosch BKK haben mit Medi und Psychotherapeuten ein neues Versorgungsangebot geschaffen. Schneller zur Psychotherapie lautet das Ziel.

Von Jürgen Stoschek

Zusätzliche Abendssprechstunden für psychisch Kranke

Engagieren sich für eine bessere Versorgung von psychisch kranken Menschen in Baden-Württemberg (v.l.): Dr. Werner Baumgärtner (Medi), Dr. Christopher Hermann (AOK), Dr. Alessandro Cavicchioli (Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung) und Rolf Wachendorf (freie Liste der Psychotherapeuten).

© Marc Gilardone

STUTTGART. Gesetzlich Krankenversicherte mit einer psychischen Erkrankung haben oftmals mit langen Wartezeiten, mit ungenauen Diagnosen und eingeschränkten Therapieangeboten zu kämpfen. Sie müssen durchschnittlich fünf Monate auf einen Psychotherapie-Platz warten.

Mit einem neuen Versorgungsangebot wollen die AOK Baden-Württemberg und die Bosch BKK nun die Wartezeiten für ihre Versicherten verkürzen und gezieltere Behandlungen ermöglichen.

Zusammen mit Medi Baden-Württemberg und zwei Psychotherapeutenverbänden haben die beiden Kassen einen Vertrag erarbeitet, der zu einer Verbesserung der Situation führen soll.

Das Gutachterverfahren entfällt

AOK-Versicherte, die am Haus- und Facharztprogramm ihrer Kasse teilnehmen, können das neue Angebot bereits seit 1. Juli nutzen. Für die Versicherten der Bosch BKK tritt die Vereinbarung ab Oktober in Kraft.

Das neue Versorgungsangebot sei ein weiterer "wichtiger Baustein in der Welt der leitliniengesteuerten Versorgung", sagte der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann, in Stuttgart.

Mit dem Vertrag werde das Problem einer unzureichenden Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten und der sich daraus ergebenden mangelhaften Abstimmung von Therapien gelöst. Das sonst übliche Gutachterverfahren entfalle.

Von den landesweit etwa 400 teilnehmenden Psychotherapeuten werde sichergestellt, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen innerhalb von spätestens zwei Wochen eine Therapie erhalten, erklärte Hermann.

Anders als im KV-System gebe es in dem neuen Vertrag, der die bestehenden Haus- und Facharztverträge ergänzt, für die teilnehmenden Praxen keine Abstaffelungen und keine Mengenbegrenzungen, betonte der Vorsitzende von Medi Baden-Württemberg, Dr. Werner Baumgärtner.

Zusätzliche Abendsprechstunden

Die Praxen könnten unbürokratisch neue Therapeuten einstellen und so ihre Behandlungskapazitäten erhöhen. "Das wird auch bezahlt und das gibt den Psychotherapeuten Planungssicherheit", sagte Baumgärtner.

Mit dem schnellen Beginn einer Einzel- oder Gruppenpsychotherapie werde der Chronifizierung psychischer Erkrankungen und der Entwicklung von Spätkomplikationen entgegengewirkt, betonte Diplom-Psychologe Rolf Wachendorf, Landesvorsitzender der freien Liste der Psychotherapeuten.

Schwerkranke könnten innerhalb von drei Tagen aufgenommen werden. Außerdem gebe es zusätzliche Abendsprechstunden.

Durch die bessere Zusammenarbeit mit den Hausärzten würden neue Überweisungsstrukturen geschaffen, sagte Wachendorf.

Der neue Vertrag biete den teilnehmenden Psychotherapeuten mehr Behandlungsoptionen, da auch Verfahren eingesetzt werden können, die im KV-System nicht bezahlt werden, ergänzte Dr. Alessandro Cavicchioli, Landesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung in Baden-Württemberg.

[05.09.2012, 12:03:49]
Thorsten Schaff 
Fachliche, ethische und historische Bedenken
Die Redaktion erreichte folgender Leserbrief von Michael Mohs:

Erstaunlich ist, dass dieser Artikel völlig unkommentiert die Position der Aktiengesellschaft Medi widergibt. An keiner Stelle im Artikel werden die erheblichen fachlichen, ethischen und historischen Bedenken gegen diesen Selektivvertrag Psychotherapie auch nur erwähnt.
Der Medi, AOK, DPTV - Selektivvertrag zur Psychotherapeutischen Versorgung verspielt viele Errungenschaften, die wir Psychotherapeuten in den letzten Jahren gemeinsam erkämpft haben:

1. Das Prinzip, dass alle Patienten ohne Ansehen ihrer Kassenzugehörigkeit gleiche Behandlungschancen haben, wird ohne Not aufgegeben.
2. Das von uns lange erkämpfte Recht auf Erstzugang zum Psychologischen Psychotherapeuten wird, außer im Notfall, fallen gelassen.
3. Die bisherige Richtlinienpsychotherapie wird aufgegeben. Damit entfällt auch das Grundrecht auf rechtliche Klärung vor den Sozialgerichten, die Beseitigung der krassesten Honorarungerechtigkeiten durch das Bundessozialgericht ist im PNP nicht mehr möglich.
4. Nach dem neuen Vertrag entscheidet nicht mehr der gemeinsame Bundesausschuss (GBA) sondern jede einzelne Kasse, welche Therapie noch finanziert wird.
5. Medi, DPTV und AOK haben festgelegt, dass z.B. EMDR im Vertrag bezahlt wird, obwohl lediglich für eine Diagnosegruppe (PTSD) Evidenz vorliegt.
6. Mehrstündige analytische Psychotherapie wurde dagegen völlig für dem Vertrag beitretende Patienten und Therapeuten gestrichen.
7. Im Vertrag wird der Eindruck erweckt, dass wir Psychotherapeuten Patienten dann kurzfristig aufnehmen können, wenn nur die Bezahlung erhöht wird.
8. Die bewährte und wissenschaftlich abgesicherte Qualitätssicherung, das „Antrags- und Gutachterverfahren“, wird fallen gelassen.

Am gesundheitspolitisch deutlichsten wird die Intention dieses Medi, AOK, DPTV - Vertrages beim intendierten Ausschluss der analytischen Psychotherapie:

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) bei der KVB, paritätisch auch mit den Kassenvertretern besetzt, hat im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie die analytische begründeten Verfahren Analytische Psychotherapie und deren Modifikation, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, als auch die Verhaltenstherapie als evidenzbasierte Verfahren anerkannt. An keiner Stelle im Medi, AOK, DPTV - Selektivvertrag wird der Begriff Analytische Psychotherapie als Bezeichnung einer vorgesehenen Behandlungs - bzw. Anwendungsform entsprechend der Definition der Psychotherapierichtlinien des GBA verwendet.

» Für die personellen und sachlichen Qualitätsanforderungen zur Durchführung der vereinbarten Versorgungsaufträge ( Selektivverträge ) gelten die vom Gemeinsamen Bundesausschuss sowie die in den Bundesmantelverträgen für die Leistungserbringung in der vertragsärztlichen Versorgung beschlossenen Anforderungen als Mindestvoraussetzungen entsprechend.« (BAnz.Nr.58, S. 1399, vom 17.04.2009, zuletzt geändert am 14.04.2011)

Der Selektivvertrag verstößt damit rechtlich auch gegen die von den Kassen-vertretern selbst mit abgeschlossene, gültige Psychotherapievereinbarung.

Im Medi, AOK, DPTV - Vertrag nach §73c wird die Therapiefreiheit zunächst dadurch eklatant eingeschränkt, dass in den Stufen PTE1 bis PTE4 explizit die Analytische Psychotherapie gestrichen wurde. Im Vertragstext heißt es: Psychotherapieverfahren ( Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder systemische Therapie). Das heißt im Klartext, dass jeder Patient, der dem AOK Vertrag beitritt, in den Stufen PTE1 ( störungsspezifische Diagnostik...) bis PTE4 nicht, falls der Therapeut dies mit Medi abrechnen will, mit Analytischer Psychotherapie behandelt werden darf.
Unter PTE5 steht dann, dass „Psychoanalyse“ nicht neben oder nach den unter PTE1 bis PTE4 genannten Psychotherapieverfahren durchführbar ist. Wir gehen hier nicht auf die verwirrenden Bezeichnungen „Psychoanalyse“ und „Psychoanalytische Einzelbehandlung“, die nicht zur Begrifflichkeit des GBA gehören ein.

Zwar könnte ein Psychotherapeut theoretisch nach dem Vertrag bei einer Neuaufnahme ohne vorheriger Diagnostik (PTE1), ohne den Patienten je gesehen zu haben, sofort den Antrag an den Gutachter auf „Psychoanalyse“ stellen, dies wäre auf Grund fehlender Anamnese und nicht vom GBA zugelassenem Verfahren unmöglich, ein Kunstfehler und auch völlig weltfremd.

Damit ist die Analytische Psychotherapie im Medi, AOK, DPTV -Vertrag nun völlig ausgeschlossen. Um aber den Ausschluss der Analytischen Psychotherapie im Vertrag noch weiter abzusichern, ist unter Anlage 12, Anhang 2 des Medi, AOK, DPTV - Vertrages die „Psychoanalyse“ nur noch für Persönlichkeitsstörungen F 60 bis F 62.88. mit Gutachterverfahren zugelassen.

Zusätzlich bleibt der von Medi - Mitglied Rolf Wachendorf im Artikel betonte Vorteil des Vertrages, dass jeder Patient innerhalb von 14 Tagen, im Notfall am gleichen Tag einen Ersttermin erhält, sodass die Therapien ohne Verzögerung sofort beginnen können, nebulös. Rein arithmetisch kollabiert jede Praxis, wenn sie jedes Quartal mindestens 6 neue Patienten in die Therapie nimmt, außer die Praxis beschränkt sich für AOK Selektivvertragspatienten auf die Kurzzeitdrehtür-psychotherapie.

DP Michael Mohs      
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