Ärzte Zeitung online, 28.08.2012

Enzephalitis

Cellospielen trotz Amnesie

Ein Cellist kann sich nach einer Virus-Enzephalitis praktisch an nichts mehr erinnern. Nur das musikalische Gedächtnis funktioniert tadellos. Ist es also räumlich und strukturell vom restlichen Gedächtnis abgekoppelt?

Cellospielen trotz Enzephalitis

Cello: Die Musik bleibt hängen - trotz Enzephalitis.

© blumenblueten / fotolia.com

BERLIN (mut). Eine Insel intakter Kognition inmitten eines schweren Gedächtnisverlustes konnte sich ein professioneller Cellist bewahren - und bringt damit Neurologen zum Staunen.

Obwohl sich der Musiker an fast nichts mehr erinnert, kann er problemlos Cello spielen. Trotz defektem Kurzzeitgedächtnis ist er sogar in der Lage, sich an neu vorgespielte Stücke zu erinnern.

Über diesen ebenso tragischen wie die Hirnforschung erhellenden Fall hat jetzt eine Arbeitsgruppe um Dr. Carsten Finke von der Klinik für Neurologie der Charité in Berlin berichtet (Current Biology 2012; 22(15): R591-R592).

Der Cellist hatte sich im Jahr 2005 eine Herpes-Enzephalitis zugezogen, das Virus zerstörte dabei wichtige Areale im rechten und linken Temporallappen, im frontalen Kortex und der Inselrinde.

Als Folge dieser Entzündung entwickelte der Patient eine schwere retrograde und anterograde Amnesie. Er kann keinen einzigen deutschen Fluss benennen, sich an keinen Kanzler erinnern, auch ist sein episodisches Gedächtnis komplett gelöscht: Er erinnert sich weder an Geschehnisse in seine Kindheit oder seiner Ausbildung noch an Erlebnisse aus seiner Musikerkarriere.

Von seinen Verwandten und Freunden ist ihm einzig noch sein Bruder vertraut, bekannte Kinderlieder oder -gedichte sind ihm völlig neu, er kann keinen einzigen berühmten Cellisten nennen und als einziger Komponist fällt ihm Beethoven ein. Notenlesen klappt dagegen genau so gut wie Cellospielen.

Bekannte Werke zuverlässig erkannt

Dass das musikalische Gedächtnis noch gut zu funktionieren scheint, während alle anderen Gedächtnisfunktionen kräftig gelitten haben, überraschte die Berliner Neurologen.

Sie versuchten, das Phänomen nun mit einer Reihe von Tests besser zu verstehen. Dabei verglichen sie sein musikalisches Gedächtnis mit dem von fünf gleich alten Streichern der Berliner Philharmoniker und dem von fünf Amateurmusikern.

In einer ersten Versuchsreihe wurden den Musikern zwei sehr ähnlich klingende kurze Passagen klassischer Musik vorgespielt.

Die eine stammte aus einem berühmten älteren Stück, dazu gehörte das Violinkonzert in e-Moll von Mendelssohn Bartholdy, die andere aus einer modernen, nach 2005 geschriebenen Komposition, zum Beispiel die von Max Richter komponierten Filmmusik zu "Waltz with Bashir".

Die Musiker mussten nun erkennen, welche Passage aus dem älteren Werk stammt. In mehreren Durchgängen konnte der Amnesiepatient das bekannte Stück mit einer ähnlichen Trefferquote (über 90 Prozent) heraushören wie die Philharmoniker, er konnte sich also noch daran erinnern.

Allerdings waren sich die Neurologen nicht sicher, wie er sich an das Mendelssohn-Stück erinnerte, ob ihm nur bestimmte strukturelle Elemente jener Epoche vertraut waren oder tatsächlich der Inhalt.

So wiederholten sie den Versuch, dieses Mal mit einem bekannten Stück (etwa Beethoven, Klaviersonate Nr. 14, Mondscheinsonate) und einem unbekannten Stück (etwa Muzio Clementi, Klaviersonate Nr. 5) aus derselben Periode. Auch hier lag der Cellist mit einer Trefferquote von über 90 Prozent zumindest noch in dem Bereich der Amateurmusiker.

Schließlich prüften die Forscher, ob sich der Patient auch neue Stücke merken konnte. So spielten sie den Musikern zwei sehr ähnlich klingende Kompositionen vor, die erst nach 2005, also nach Beginn der Amnesie, veröffentlich worden waren.

Trotzdem konnte der Patient eine 90 Minuten später gespielte Passage klar dem richtigen Stück zuordnen. Die Trefferquote von 80 Prozent war dabei zwar nicht ganz so hoch wie die der Philharmoniker (etwa 90 Prozent), aber deutlich besser als die der Amateurmusiker (etwa 70 Prozent).

Das Fazit der Neurologen: Das musikalische Gedächtnis scheint völlig losgelöst vom übrigen Gedächtnis völlig normal zu funktionieren.

Nun schauten die Neurologen, wie es mit anderen non-verbalen Funktionen aussah, etwa dem visuellen Gedächtnis: Die Musiker sollte sich nun Gesichter und Objekte merken. Dies gelang den Gesunden fast zu 100 Prizent, dem amnestischen Cellisten aber nur zu 50 Prozent.

Musikgedächtnis unabhängig vom Hippocampus?

Die Befunde legen nahe, so Finke in einer Mitteilung der Charité, dass das Musikgedächtnis teilweise unabhängig vom Hippocampus, der normalerweise Gedächtnisinhalte speichert, organisiert sei.

"Möglicherweise hat die enorme Bedeutung von Musik zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu der Entwicklung eines eigenständigen musikalischen Gedächtnisses beigetragen."

Die Forscher vermuten das musikalische Gedächtnis aufgrund ihrer Daten und aktueller Befunde aus der Bildgebung vor allem im vorderen rechten Temporallappen, dieser ist bei dem Patienten noch intakt.

Möglich ist allerdings auch, dass die lebenslange intensive Beschäftigung mit Musik zur Ausbildung zusätzlicher Gedächtniskanäle geführt hat, dann wäre kein unabhängiges Musikgedächtnis zu fordern, in ähnlicher Weise würden auch andere Künstler ihre jeweilige Kunst bei einem vergleichbaren Defekt noch beherrschen.

Immerhin versprechen sich die Neurologen von den Erkenntnissen einige praktische Anwendungen: Sie hoffen, dass ein intaktes musikalisches Gedächtnis bei Patienten mit Amnesie genutzt werden kann, um die Erinnerung auch für andere Inhalte zu stimulieren.

So könnte eine bestimme Melodie mit einer Alltagsaufgabe, beispielsweise einer Tabletteneinnahme oder einer Person, verknüpft werden.

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