Ärzte Zeitung, 19.12.2012

Leitartikel

Amokläufer - gestört und von Medien zum Töten animiert?

Weltweit nimmt die Zahl der Amokläufer an Schulen zu. Die Verbrecher handeln nicht spontan im Affekt, sondern bereiten ihre Taten ausführlich vor. Was sie dazu bewegt, liegt im Dunkeln. Abhilfe mit Einzelmaßnahmen ist daher nicht in Sicht.

Von Thomas Meißner

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Nach dem Amoklauf in Newtown im US-Staat Connecticut bringt eine Polizistin Kinder aus der Schule.

© dpa

Im englischsprachigen Teil des Internet-Lexikons Wikipedia gibt es unter dem Stichwort "School shootings" gleich zwei detaillierte Kapitel. Eines ist allein den USA gewidmet, wo beginnend mit dem 18. Jahrhundert etwa 150 Amokläufe an Schulen aufgelistet sind, das andere Kapitel gilt Schulamokläufen im Rest der Welt. Warum besonders die USA so stark betroffen sind, darüber kann man spekulieren.

"Ich bin überzeugt, dass es nicht allein am Waffenrecht liegt", sagt Eileen Peter, Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Magdeburg. Peter und ihr Chef Professor Bernhard Bogerts haben Amokläufe analysiert. Ein Ergebnis ist, dass tiefer gehende Ursachen sehr oft unklar bleiben und es kaum wissenschaftlich fundierte Studien über diese Art von Mehrfachtötungen gibt.

Speziell bei Schulamokläufen hat dies damit zu tun, dass die Täter sich im Anschluss an ihren Tötungsrausch suizidieren oder ihre Tötung durch die Polizei provozieren und somit einer psychiatrischen Diagnostik nicht mehr zugänglich sind. Abschiedsbriefe, Drehbücher der meist genau geplanten Taten oder Berichte von Angehörigen bieten allenfalls ein verzerrtes, unvollständiges und heterogenes Bild.

Eines steht jedoch fest: Amokläufe in Schulen haben weltweit zugenommen. Zwar sind die Unterschiede regional groß. Dennoch stellt sich die Frage: Warum diese Zunahme? Was hat sich im Vergleich zu früher verändert? ...

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[20.12.2012, 17:30:44]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Blinde Betroffenheit?
Ich habe Toleranz, Weltoffenheit, Spiritualität, Solidarität und Empathie in einer Kirchengemeinde in einem Vorort von Minneapolis/St. Paul im Bundesstaat Minnesota, bei Reisen nach Chicago und New York bzw. vor Jahrzehnten an der kalifornischen Westküste, in Utah und Arizona kennen und schätzen gelernt. Aber auch von Intoleranz, Diskriminierung, Fanatismus, Verblendung und unangemessener psychosozialer Härte erfahren.

Doch einige Fragen gehen mir nie aus dem Sinn:
- Wie kann ein so großartiges Land wie die USA vergessen, dass in seiner historisch kurzen Geschichte am Anfang ein Genozid, begangen an den Ureinwohnern Nordamerikas, stand?
- Wie viele der Neuankömmlinge haben sich der Sklavenhaltung und auch -vernichtung schuldig gemacht?
- Wie gnadenlos und schießwütig war der amerikanische Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten in den Zeiten der Sezession?
- Weshalb wurde jahrzehntelang eine Apartheit mit Segregation, Verfolgung und Ermordung von Schwarzen geduldet?
- Wieso halten die USA nach der VR China und Russland den höchsten Anteil von Gefängnisinsassen in der westlichen Welt?
- Weshalb wird die militärische und zivile US-Gesellschaft maximal aufgerüstet?

Und es ist keineswegs blindes Betroffenheitsritual und unendliche Trauer über Diejenigen, deren Zukunftshoffnungen für immer begraben wurden, wenn exzessive Bewaffnung, Gewalt und Fanatismus weltweit geächtet werden müssen. Alle bisherigen Amokläufe mit ihren tödlichen Folgen in D e u t s c h l a n d fanden im Dunstkreis diverser (Sport-)Schützenvereine statt und n i c h t im Umfeld von waffenfreien Sportvereinen, Waldorf- oder Friedenspädagogik.

Der US-amerikanische Verfassungszusatz bezieht sich a u s s c h l i e ß l i c h auf das Tragen von Waffen zur Selbst v e r t e i d i g u n g! Angriffswaffen und serielle Tötungsmaschinen, wie sie im Gegensatz zu Kanada in den USA in Privathaushalten verbreitet gehortet werden, fallen n i c h t darunter. Dass die vielzitierte scheinbare "Normalität" der Amokläufer eine Erklärung von weltweit zunehmenden "School shootings" erschwert, ist genauso abwegig wie ein angeblich geringer Einfluss des Waffenrechts auf dieses entsetzliche globale Geschehen.

Denn es sind gerade die "stinknormalen" gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, der alltägliche Schlendrian, das "manus manum lavat" des Establishments (zu dem auch ich gehöre), die gewöhnliche Alltagskorrumpierbarkeit und Unehrlichkeit, die gesellschaftspolitischen Seilschaften und die zu Frustration geronnene Sinnlichkeit nur scheinbar normal. Der Anpassungsdruck besteht für die Masse, gefällig, regelkonform und widerstandsfrei durchs Leben zu gehen, arm und krank ins Gras zu beißen, damit andere sich ungerechtfertigt bereichern konnten. Dies lässt viele junge Leute aufbegehren, rebellieren, protestieren, aber auch sich in den Neuen Medien verlieren, verzweifeln, kapitulieren, resignieren oder gar im Amoklauf explodieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[19.12.2012, 23:40:16]
Sandro Taumer 
Amoktläufer- gestört und von den Medien zum Töten animiert?
Ich bin seit sehr vielen Jahren begeisterter Sportschütze aus der Medizin mit rechtsmed. Hintergrund mit Waffenbesitzkarte, ohne daß ich jemals auch nur entferntest erwogen hätte, derartige Taten zu begehen, nur weil ein zumeist kleines Problem besteht, worauf ich außerordentlichen Wert lege!!!
Könnte vielleicht das Motiv eher da zu suchen sein, daß die Jugend heute keine Probleme und damit auch keine Lösung dieser mehr haben darf, da Ihre Eltern, zumeist sog."68-iger" u. deren Nachfolger dies nicht mehr zulassen wollen in vermeintlich guter Absicht!??? Ich persönlich habe manchmal fast schon Angst vor unserer "verzogenen" neuen Generation, die trotz ausreichender geistiger Voraussetzungen wenig Leistung bringt und beim geringsten Problem nicht mehr in der Lage ist, etwas zurealisieren!
Danke, liebe gegenwärtige Erzieher, daß ich trotz Euerer guten Absichten nun Angst vor unserer aller Zukunft haben muß.... zum Beitrag »
[19.12.2012, 23:15:10]
Sandro Taumer 
Sportschießen und Amokläufe
Liebe Leser,
ich als Humanist und im Krankenhaus tätiger, mit rechtsmedizin. Hintergrund, bin selbst seit über 20 Jahren Sportschütze mit Waffenbesitzkarte!!! Sicher kenne auch ich Probleme, die gelöst werden müssen, jedoch wäre mir wie allen Sportkameraden, die ich in diesem Sport kenne, jederzeit undenkbar gewesen, die SPORTWAFFEN (ich betone; Sport..!!!) zur Lösung von Problemen einzusetzen! Was also läuft mit unserer Jugend falsch, daß sie mit Massenmord Ziele erreichen will??? Was ist falsch gelaufen in der Erziehung der antiautoritären "68-iger", die meint, Kinder sollen nur jenes tun, wozu sie Lust verspüren und Probleme (mit denen man "groß" wird im Leben!)darf es für sie nicht geben!??? Ich habe Angst vor der der Zukunft mit unseren egoistisch erzogen, problemungewohnten, zwar leisungsfähigigen, doch nicht nicht leistungsbereiten jungen Leuten, die alles, das in der Gesellschaft sich bewährt hat, zerstört! Danke, liebe "68-iger)-vielleicht habt Ihr im guten Glauben gehandelt, doch die Follgen.... zum Beitrag »
[19.12.2012, 15:57:26]
Dr. Manfred Stapff 
Was hat sich im Vergleich zu früher verändert? ...
Mit Spannung habe ich den Leitartikel von Thomas Meissner zu lesen begonnen, doch endet er mit gerade derjenigen Frage, die seit Tagen in allen Medien diskutiert wird. Der Arikel erweckt den Eindruck als sei in der Online Version die Hälfte abgeschnitten, nämlich diejenige, in der wir Antworten erwarten. Offensichtlich können weder Journalisten noch Wissenschaftler dieses Phänomen erklären.
Warum Schulen oft das Ziel sind, ist relativ einfach zu beantworten. Es ist der Ort, dem Heranwachsende den größten Teil ihrer Zeit und ihrer Emotionen widmen, und wenn diese negativ sind, ist das Ziel der Agression schon definiert.
Fest steht auch, daß es keine eindeutige Korrelation zwischen regionalem Waffenrecht und Amokläufen gibt (siehe Winenden, Erfurt, Dachau, Utøya). Leider lenkt jedoch die schnelle und simplifizierende Diskussion über das amerikanische Waffenrecht in fast unverantwortlicher Weise von der Erforschung der tatsächlichen Ursachen ab. Natürlich braucht kein Privathaushalt ein Sturmgewehr mit multiplen 30 Schuß-Magazinen. Doch das Recht auf Waffenbesitz und auf Selbstverteidigung ist tief in der Amerikanischen Historie verwurzelt. Daran hat sich nichts geändert. Es wird nicht damit getan sein, dies durch etwas verschärfte Gesetze ein wenig einzuschränken und sich dann zurück zu lehnen. Bis zum nächsten Amoklauf, der mit Sicherheit trotzdem kommen wird.
Im Vergleich zu früher verändert hat sich eindeutig die Medienlandschaft. Ganz Amerika regt sich auf, wenn einmal einmal irgendwo eine halbnackte Brust zu sehen ist, doch täglich flimmern gewaltverherrlichende Filme über den heimischen Bildschirm, und jeder Jugendliche kann seine Amokläufe schon einmal in Rambo - Videospielen üben - mit Sound und in erschreckend realistischer 3 D Grafik. Wenn man mit der selben emotionalen und juristischen Energie, die man in USA gegen vemeintlich "unsittliches" aufwendet, solche Massenmord-Trainings Spiele bekämpfen würde, wäre man der Lösung schon ein wenig näher - und das nicht nur in Amerika.  zum Beitrag »

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