Ärzte Zeitung, 15.09.2014

Leitartikel

Das Neuro-Problem ist noch nicht in den Köpfen

Neurologische Leiden verursachen mehr Krankheitstage als alle anderen Krankheiten. Dennoch gibt es große Defizite in der Versorgung. Auf der jetzt startenden Neurowoche geht es auch um die Frage, wer die erwartete Flut von Schlaganfall-, Demenz- und Parkinsonpatienten versorgen soll.

Von Thomas Müller

Das Neuro-Problem ist noch nicht in den Köpfen

ZNS-Leiden werden wohl bald die höchsten Ausgaben im Gesundheitswesen verursachen.

© britta60 / fotoliacom

Lange Zeit war die Neurologie ein Fach für Schöngeister, Diagnostiker und Theoretiker. Das hat sich in den vergangenen Dekaden drastisch verändert: Von der Thrombolyse und Thrombektomie bei Schlaganfall bis zur modernen MS-Therapie steht heute in vielen Bereichen die Behandlung im Vordergrund.

Zugleich ist die Bedeutung der Neurologie und auch der Psychiatrie gewachsen: Erkrankungen wie Schlaganfall, Depression, Demenz oder Multiple Sklerose zählen zu den größten medizinischen Herausforderungen dieses Jahrhunderts.

Sie verursachen nach der "Global Burden of Disease Study" global mehr Krankheitstage und -jahre als alle anderen Ursachen und liegen damit noch vor Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Infektionen.

Berücksichtigt man neben den Krankheitstagen auch die durch vorzeitigen krankheitsbedingten Tod verlorenen Lebensjahre, dann liegen in Industrieländern zwar noch Rückenschmerz und Herzinfarkt auf den ersten beiden Plätzen, direkt dahinter folgen aber schon Schlaganfall und Depression.

Und an dieser Rangfolge dürfte sich - die demografische Entwicklung vor Augen - bald einiges ändern: So ist eine Verdoppelung der Prävalenz von Schlaganfall und neurodegenerativen Erkrankungen in den nächsten drei Dekaden sehr wahrscheinlich.

Von ihrer sozioökonomischen Bedeutung her werden ZNS-Leiden dann an kardiologischen, internistischen und orthopädischen Erkrankungen vorbeiziehen: Sie werden die höchsten Ausgaben im Gesundheitswesen verursachen und die meisten gesunden Lebensjahre kosten.

Den Wandel noch nicht verstanden

"Willkommen im Jahrhundert der Gehirnerkrankungen", möchte man den politischen Entscheidungsträgern zurufen, die die Tragweite des Wandels offenbar immer noch nicht begriffen haben.

Denn wer sich die desolate ambulante psychiatrische Versorgung in vielen Regionen anschaut, in denen die Wartezeiten für eine Psychotherapie ein halbes Jahr dauert, wer mit Neurologen und Psychiatern spricht, die schon lange keinen neuen Patienten mehr annehmen, und wer den Mangel an Neurologen in vielen Kliniken bemerkt, der hat nicht unbedingt den Eindruck, dass die Versorgung neuropsychiatrischer Patienten derzeit einen hohen Stellenwert besitzt.

In einigen Bereichen, etwa in der Notfallmedizin, hat immerhin ein Umdenken begonnen: So wird mit Hochdruck daran gearbeitet, Schlaganfallpatienten noch schneller als bisher einer Thrombolyse zu unterziehen, und deutsche Ärzte leisten hier mit international stark beachteten Modellprojekten einen entscheidenden Beitrag.

Beim Telemedizinprojekt TEMPIS etwa ließ sich die Zeit von der Klinikeinweisung bis zur Lyse in ländlichen Regionen in Bayern von im Schnitt 80 Minuten auf 40 Minuten halbieren (Stroke 2014; online 21. August).

Hier bewertet ein per Telekonferenz zugeschalteter Neurologe die Befunde und unterstützt die Kollegen vor Ort. Noch kürzere Wege bis zur Lyse werden in Berlin mit dem "Stroke Emergency Mobile" (STEMO) erzielt (JAMA 2014; 311: 1622).

Der Rettungswagen enthält ein fest eingebautes CT. Ein mitfahrender Neurologe beurteilt, ob es sich tatsächlich um einen Schlaganfall handelt. Die CT-Bilder bekommt ein telemedizinisch angeschlossener Neuroradiologe, der umgehend seinen Befund zurück ans STEMO-Team sendet.

Die Ärzte können dann bei einem ischämischen Infarkt noch im Wagen die Lyse einleiten. Die Zeit vom Alarm bis zur Lyse ließ sich damit halbieren, die Lyserate um 50 Prozent steigern.

Doch auch in anderen Bereichen leisten die deutschen Neurofächer Beachtliches: Ein Großteil der Studien zur tiefen Hirnstimulation bei diversen neurologischen und psychischen Erkrankungen stammt aus Deutschland, ebenso eine Reihe wichtiger Publikationen beim Restless-Legs-Syndrom.

"Doppelt so viele Ausbildungsplätze benötigt"

Glaubt man Experten, werden solche Anstrengungen und Bemühungen nicht genügen, falls es nicht gelingt, weit mehr angehende Mediziner für die ZNS-Fächer zu begeistern und auszubilden.

"Inzwischen ist die Neurologie zusammen mit der Neurochirurgie das am schnellsten wachsende Fach in der Medizin", so Professor Wolfgang Oertel, 2. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Trotzdem benötigen wir viel mehr Ausbildungsplätze für Neurologen, eigentlich doppelt so viele wie bisher, sonst rennen wir einer Katastrophe entgegen", sagte Oertel mit Blick auf die demografische Entwicklung.

Gerade bei der Ausbildung hapert es jedoch, ein Dorn im Auge ist Oertel vor allem die Koppelung von Ausbildungsplätzen in der Klinik an die Zahl der Betten.

"Zwar wird inzwischen jeder dritte Euro in den Gesundheitssystemen Europas für neuropsychiatrische Krankheiten ausgegeben, die Klinikbetten werden aber noch immer bevorzugt an die großen Fächer Innere Medizin, Chirurgie und Gynäkologie verteilt. Um den Neurologenbedarf in der Zukunft zu decken, muss man dieses Junktim von Bett und Ausbildungsstelle aufheben oder aber den Neurologen mehr Betten zuweisen."

Vielleicht gelingt es den Neurologen, während der anstehenden Neurowoche in München auf solche Probleme stärker aufmerksam zu machen.

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