Ärzte Zeitung, 02.10.2015

Sturzrisiko

Krafttraining ist nicht genug!

Krafttraining allein mindert das Sturzrisiko bei Älteren nicht. Auch die Motorik und Kognition müssen trainiert werden.

BASEL. Die Skelettmuskulatur ist selbst in hohem Alter trainierbar, meint Professor Reto Kressig vom Universitären Zentrum für Altersmedizin in Basel. Kressig verweist auf eine Studie mit 100 Pflegeheimbewohnern mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren.

Bei ihnen führte progressives Krafttraining über zehn Wochen zu einer Kraftverdopplung. Die Kombination des Trainings mit Proteindrinks steigerte die Muskelkraft um 130 Prozent, Proteindrinks ohne Training waren dagegen wirkungslos.

Aber: Krafttraining allein macht weder den Gang sicherer noch nimmt die Sturzgefahr ab. Trainiert werden müssen zusätzlich Motorik und Kognition.

Minimale Unregelmäßigkeiten verdoppeln Sturzrisiko

 Denn schon minimale, mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Gangunregelmäßigkeiten mit einer Schritt-zu-Schritt-Variabilität von 1,7 cm verdoppeln die Sturzwahrscheinlichkeit. Alte Menschen, die beim Gehen stehen bleiben, um zu sprechen, haben ein dramatisch erhöhtes Sturzrisiko!

Werden motorische und Kraftdefizite rechtzeitig erkannt, können diese mit einem gezielten Training angegangen werden. In geriatrischen Einrichtungen gibt es deshalb Möglichkeiten, frühzeitig auf Gangunregelmäßigkeiten zu testen, und zwar mit Multitasking-Aufgaben.

 Dabei wird eine motorische mit einer kognitiven Aufgabe kombiniert, zum Beispiel das Lösen einer Rechenaufgabe beim Gang über einen Teppich.

Mit der in der Schweiz populären Dalcroze-Rhythmik (nach Émile Jaques-Dalcroze, 1865-1950) werden Exekutivfunktion und Gangsicherheit verbessert, so Kressig. Die Teilnehmer trainieren in Gruppen im Rhythmus von improvisierten, am Klavier gespielten Melodien.

 Je nach Melodie ändern sich unerwartet die Bewegungsfolgen, so Kressig. 80-jährige Damen, die seit Jahren die Dalcroze-Rhythmik praktizieren, schneiden nach seinen Angaben beim Dual-Task-Test ebenso gut ab wie 30-jährige.

Bei 134 zu Hause lebenden Senioren, die sechs Monate lang einmal wöchentlich zum Training gingen, führte die Intervention zu einer signifikanten Steigerung der Exekutivfunktion, und die Sturzrate halbierte sich (Aktuel Ernährungsmed 2015; 40: S5-S7). (ner)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zeit für aggressive Maßnahmen

Viel Geschwätz, wenig Taten: Zeit für aggressive Weichenstellungen in der Diabetes-Prävention, meinen Fachleute. Sie fordern die Lebensmittel-Ampel und Steuern auf ungesunde Produkte. mehr »

Beim Thema Luftschadstoffe scheiden sich die Geister

Gesundheitliche Gefahren von Luftverschmutzung sehen Pneumologen vorrangig als ihr Thema an. Doch die Meinung der Fachärzte darüber ist nicht einhellig. Das zeigt sich auch im Vorfeld ihrer Fachtagung. mehr »

Patienten vertrauen auf Online-Bewertungen

In welche Praxis soll ich gehen? Ihre Entscheidung fällen Patienten zunehmend anhand von Online-Bewertungen – eine Chance für Ärzte, so eine neue Studie. mehr »